Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 36)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 36 — das Wort zu ergreifen, die Geschäftsordnung gab mir nicht die rechte Handhabe dafür. Wenn iah trotzdem um das Wort gebeten habe — und meine Bekannten und Freunde wissen, daß ich lieber das Wort für mich behalten möchte, als daß ich es ergreife — so habe ich, ich versichere Ihnen, wirklich etwas zu sagen. Ich verfolge die Tätigkeit und die Organisation des Zionistenkongresses nicht nur vom Ersten Kongresse an, sondern von der ersten Minute an, da in dem fruchtbaren Gehirn unseres verstorbenen Führers der Gedanke an einen Zionistenkongreß aufkam, und ich bekenne mich hier zur Sünde, daß ich, als die erste Konferenz, zusammentrat, um zu beraten, ob überhaupt ein Kongreß stattfinden solle, und zwar im Jahre 1897, für meine Person gegen den Kongreß war. Mein Gedanke war außerordentlich einfach. Ich.sagte: Wenn wir einen Zionistenkongreß einberufen, so wollen wir, wenn es irgend möglich ist, der Welt nicht nur etwas zu sagen, sondern auch etwas zu zeigen haben. Dr. Herzl hatte selbstverständlich recht und ich unrecht, denn der Kongreß tagt heute zum neunten Male, und was Gutes in der Judenkeit, im Zionismus geleistet wurde, geht, wie wir alle wissen, auf diese Kongresse zurück. Der Kongreß ist über jeden Tadel erhaben als Kongreß; es wird aber sicherlich nicht als Anmaßung gedeutet werden, wenn ich sage, daß mir vom Standpunkte anderer Kongresse, — ich habe deren eine erkleckliche Zahl mitgemacht, — unser Kongreß an einem großen Fehler^ zu leiden scheint, und von dieser Stelle aus, da ein Wort auf diesem Platze einen mächtigen Widerhall findet, ganz anders, als ein Artikel in einer Zeitung, — möchte ich einen Vorschlag machen und bitte, einige Minuten Geduld auf diesen Vorschlag zu verwenden: wie nämlich der Kongreß, den ich ja für sehr fruchtbar halte, für unentbehrlich, für nicht wegzudenken aus unserer Bewegung, noch fruchtbarer zu machen wäre. Als Dr. Herzl an das furchtbar schwierige Problem herantrat, wie der Zionismus zur Tatsache zu machen sei, so sagte er sich, daß er zwei eiserne Instrumente brauche, dies war ein Lieblingsbild von ihm, um den Stahlkasten, der das Geheimnis der Lösung der Judenfrage enthalte, zu öffnen, und er äußerte sich oft in vernichtender Weise, indem er sagte: „Wir haben einen Stahlkasten zu öffnen, und ich arbeite mit-hölzernen Instrumenten". Die zwei Stahlinstrumente, die er vorzufinden glaubte und die wirklich vorhanden sind, sind erstens, — ich nehme das kleinere zuerst, — das jüdische Geld, und zweitens der jüdische Geist. Selbstverständlich" ist die jüdische Treue, die Überzeugung, das Festhalten am alten Ideal gegeben für die Passivität. Sie hat sich aber nicht so stark erwiesen, um eine Aktion durchzuführen. Frage ich mich nun: Wie haben wir, wie haben die Führer unserer Bewegung diese beiden Instrumente, die jüdischen Gelder und den jüdischen Geist, zur Lösung der Judenfrage herangezogen? so meine ich, daß manche Unterlassungssünde begangen wurde. Ich frage mich vor allen Dingen: Eine große Anzahl hervorragender Geister sind von uns gegangen, unfreiwillig gegangen, weil sie vom Tode abberufen wurden, andere freiwillig: Wo haben wir erstens den Ersatz für die Geister, die gegangen sind, und wo haben wir vor allen Dingen den Nachwuchs, der uns mit Vertrauen für die Zukunft erfüllen könnte? Nun stehe ich der Lokalorganisation, den Komitees," den Lokaldistriktskomitees, und wie sie alle heißen mögen, recht fern, es ist meine eigene Schuld, wir können nicht alle alles machen, Aver au den Schreibtisch geschmiedet ist, wer ein Buch schreibt, der kann seine karg bemessene Zeit nicht zersplittern, am allerwenigsten aber ausgeben in Lokalkomitees. ('Rufe: Zur Sache!) Ich bin ja bei der Sache. (Rufe: Das ist Sache des Präsidenten!) Ich frage mich, wo ist der Nachwuchs? Man sagt mir und ich sehe es, der Nachwuchs arbeitet in den kleinen Komitees. So viel ich sehe, ist alle Arbeit, die in den kleinen Komitees geleistet wird, fast durchweg, wenn nicht ausschließlich, politische Arbeit, das heißt, es wird eine immense Arbeit von Politik geleistet, deren Wichtigkeit ich nicht einen Augenblick bestreiten