Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 6 — vielen alten Überlieferungen wird gebrochen, Anfänge und Ansätze neuer Einrichtungen zeigen sich, und noch kann nicht alles als ein fertiges Gebilde betrachtet werden. Aber es ist kein Zweifel, daß die Türkei einer großen und glänzenden Zukunft entgegengeht. (Beifall und Händeklatschen.) Zum erstenmal erscheint der Zionismus in dieser Perspektive. Wir können der vollen, reifen Freiheit der Türkei ins Auge blicken, denn die Quintessenz unserer Bestrebungen ist die Kolonisation, die als logische Folge der Neugestaltung der türkischen Verhältnisse erscheint. (Lebhafter Beifall.) Die parlamentarische Verfassungsform hat einen endgültigen Sieg erfochten. Aber die Verfassung ist ja nicht Selbstzweck. Sie kann nichts anderes sein, als ein Weg zur Einheitlichkeit und zur Verwirklichung des Ideals der Einheit und des Fortschritts. Für die Einheitlichkeit müssen gute Bürger gewonnen werden, die durch unauflösbare historische Bande an die Scholle geknüpft sind. Für den Fortschritt muß das nachgeholt werden, was Jahrhunderte versäumt haben: Landwirtschaft, Industrie und Handel. Die Freiheit bietet für all diese Unternehmungen enorme Vorteile und unschätzbare Erleichterungen. Das Gebiet, von dem die Regierung die Willkür verbannt hat, wird erst zu einem Boden, auf dem sie sicher auftreten kann. Es ist ein erfreuliches Zeichen für den klaren Blick der leitenden türkischen Kreise, daß sie schon in der ersten Zeit ihrer neuen Regierung das Wünschenswerte einer jüdischen Einwanderung betont haben. (Bravo, Bravo!) Die Einwanderung von Arbeit und Kapital, — das ist der gegebene Weg zur Lösung der zivilisatorischen Aufgaben, die der jetzigen Regierung obliegen. Die Türkei braucht Steuerzahler, und wir können ihr solche geben, da wir doch als Schaffende, als Pioniere eines modernen Ackerbaues und einer modernen Industrie ins Land ziehen wollen. (Lebhafte Zustimmung.) Die Türkei braucht loyale Bürger, die keine fremdstaatlichen Interessen vertreten würden, und — kann es loyalere Bürger geben als die Juden, die ein staatserhaltendes Element im besten Sinne dieses Wortes sein können? Der Ackerbau erfordert feste und bleibende Einrichtungen; er wirkt nach außen wie nach innen sichernd, bewahrend und erhaltend. Unser Volk, an das Land der Ahnen mit allen Fasern seines Herzens geknüpft, will diesen Boden bebauen (lebhafter Beifall und Händeklatschen); es will ungehindert und unbeengt leben; es will gegen die Leistung aller Bürgerpflichten die entsprechenden Rechte genießen, es will Kulturwerke schaffen, die seinen Geist verkörpern, und die es im Hochgefühl der Betätigung eigener Neigungen mit Aufopferung und Enthusiasmus aufrichten wird. (Lauter Beifall.) Wir sind nie politische Abenteurer gewesen und werden es nie sein. (Allgemeine Zustimmung.) Es ist ja immer ein wesentlicher Vorzug des jüdischen Volkes gewesen, als ein Volk des Geistes gelten zu dürfen. Diese Er-