Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German, English, Hebrew
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des Wohlstandes und der Bildung zurückgedrängt und entweder in der Heimat dem vollständigen Untergange preisgegeben oder in die Fremde getrieben, um sich in das Völkerbabel der amerikanischen und englischen Großstädte zu stürzen und die Not dort noch zu vergrößern. Die Mehrheit unseres Volkes befindet sich in einer Lage der Trübsal und der Verzweiflung: Auch dem Fernstehenden drängt sich die traurige Wahrheit auf, daß die große Masse Tag für Tag weiter einer körperlichen und geistigen Verwahrlosung entgegengeht. Anstatt der erhofften Gleichberechtigung schreitet die Rechtlosigkeit vorwärts und hohnlachend geht sie über das ohnmächtige Knirschen des jüdischen Volkes zur Tagesordnung über. Die Gedanken schwirren suchend nach einem Halt und bleiben an einem Ideal hängen. Die geistlose Gewohnheit wandelt teilnahmslos ihren Weg weiter, ohne die Sturmzeichen zu sehen und ohne die Mahnstimme des Gewissens zu hören. Aber alle, die sich den klaren Blick nicht haben trüben lassen, sehen schon jetzt, wie die Geschicke des jüdischen Volkes mit aller Macht der Notwendigkeit dahin drängen, die zionistische Selbsthilfe in den Vordergrund jüdischer Bestrebungen zu rücken. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Die Erkenntnis bricht sich Bahn, daß ein ernstes Denken und Handeln über die Schablone der Halbmittel des Augenblicks hinausreichen müsse. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) So wendet sich der Zionismus von dem schwarzen Schattenreich des Leids und der Verfolgung nach dem sonnigen Osten, wo ein frühlingsfrohes Keimen jetzt eine hoffnungsvolle Zukunft für unsere Nation eröffnet. (Lebhafter Beifall.) Wir sagen jetzt, weil im Laufe des letzten Jahres wTahre Wunder geschehen sind. Die Türkei wurde früher als ein ewiger despotischer Staat, und als eine unbezwingbare Hochburg des Absolutismus verschrien. Nun ist die Türkei ein Verfassungsstaat geworden. Mit einem großartigen Aufwände von ernstem Streben hat die Türkei den Übergang aus der Lage des Despotismus in die eines neuzeitlichen konstitutionellen Staates vollzogen. Mit Bewunderung sah die Welt, mit welcher Ruhe, Ordnung und Kraft das türkische Volk daran ging, sein Geschick in die eigne Hand zu nehmen. (Beifall und Händeklatschen.) Die Erhebung zu einer freien, edlen Menschlichkeit und Brüderlichkeit, wie sie sich in der Türkei vollzog, bildet einen Glanzpunkt in der Geschichte der kulturellen Errungenschaften unserer Zeit. Zwar folgte auf die Honigmonate des ersten Sieges die Krise einer schweren Prüfung, und auf die frohen Friedenshoffnungen fiel bald der kalte Reif der Notwendigkeit eines Kampfes. Aber dieser Kampf war kurz und entscheidend. Die einheitliche und freiheitliche Gestaltung der Türkei ist eine unerschütterliche Tatsache geworden! (Lebhafter Beifall.) Zwar ist noch vieles im Fluß, das Parteiwesen sucht noch neue Gruppierungen, drängt nach neuen Formen; mit