Mannheim
Compact Memory

Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in … · 1910-01-01 · 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909 · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
Volume
9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
Date
1910-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German, English, Hebrew
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3476254-3476272--3034-3479175
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 4 — Und nun sind wir da in unserer heutigen Gestalt! Wir sind hergekommen und durften ruhig kommen, da wir hier in Deutschland einen ansehnlichen Teil unserer Partei und die Grundlagen unserer Organisation haben. Unser Kongreß, der bestimmt ist, die zionistische Idee nicht nur uns, sondern allen denkenden und fühlenden Menschen immer wieder zum Bewußtsein zu bringen, fühlt sich in einem Kulturstaate, wie es Deutschland ist, nicht fremd. Er fühlt sich insbesondere in Hamburg nicht fremd. Die berühmte Hafenstadt, in der wir jetzt tagen, die Burg der alten Hansatugend, wo so manche monumentalen Zeugen einer großen Vergangenheit neben blühenden modernen Anstalten stehen, von wo aus die menschliche Kultur es vermocht hat, Meere zu umspannen und Weltteile zu verbinden, wird unserm Kongreß, der einer großen, kulturellen Aufgabe gewidmet ist, ein ebenso lebhaftes Interesse entgegenbringen, und ihm einen ebenso günstigen Resonanzboden bieten, wie die früheren Orte unserer Tagungen. Geehrter Kongreß! Seit wir in Haag zusammen waren, hat sich die traurige Lage unseres Volkes nicht geändert. Wohl befand sich das jüdische Volk in den verflossenen zwei Jahren nicht im Stadium der Massakers, sondern in dem des Niederganges. Aber das ist ja nur ein Austauschen der Traufe gegen den Regen! Ob eine brutale Hand jemand rasch erwürgt, oder ob ihn tückische Grausamkeit in einen engen, luftdicht geschlossenen Raum einsperrt, wo er allmählich unter lang andauernden Qualen aus Luftmangel erstickt, das Resultat läuft auf dasselbe hinaus. In erschreckender Deutlichkeit zeigen sich uns jetzt die Spuren des letzten Systems. In den Massenzentren der jüdischen Ansiedelung in den osteuropäischen Ländern ist die Notlage zu einer bisher noch nicht dagewesenen Höhe gestiegen. Was man jetzt in den früher auch in ihrer Armut so bedeutenden Judengemeinden wahrnimmt, ist die vollständige Zerrüttung. Die Tragweite dieser Erscheinung vermag jeder Urteilsfähige zu ermessen. Früher waren die Ruinen des Ghettos noch manchem lieb, obschon sie trümmerhaft und zum Bewohnen ungeeignet schienen. Eine große Philanthropie wollte die alten Mauern als Bausteine benutzen, auf ihnen, soweit sie noch brauchbare Fundamente boten, ein neues Gebäude errichten, neue Existenzquellen durch Unterricht und wirtschaftliche Hebung erschließen, aber sie vermag nichts Dauerhaftes und Ersprießliches zustande zu bringen. Der gehässige Druck und die unversöhnliche Verfolgung, die ungelösten Fragen und die Keime neuer Verwicklungen machen alle Rettungsbemühungen zunichte. Die beschränkenden Gesetze haben eine Rücksichtslosigkeit erreicht, die jeder Beschreibung spottet. Systematisch, mit dem Aufgebot aller Kräfte werden die Massen unseres Volkes von den Quellen des Lebens,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.