Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 8 (1907) Haag, 14. bis 21. August 1907
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 322 (sequence 320)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 322 — einzigen Schutzmann, fünfundzwanzig Jahre, ohne daß je einer den anderen irgendwo verklagt hätte! (Lebhafter Beifall.) Im Mittelalter haben die Juden begonnen mit Diamanten, mit Gold und Silber zu handeln. Denn: instinktiv haben sie es begriffen, daß sie jeden Augenblick ihre Reichtümer zusammenpacken müssen. In jüngerer Zeit haben die Juden erst Boden zu erwerben gesucht, aber nur sehr wenig. Aber sehen Sie einen einfachen Juden, der instinktiv jeden Groschen in den Boden hineinsteckt, um seinen Enkelkindern etwas zu geben — sehen Sie, da haben wir Boden. Wenn ein ganzes Geschlecht auf die Olivenbäume wartet, die erst nach 25 Jahren Früchte tragen werden, so hat dies eine große moralische Bedeutung — es ist dies der beste Beweis dafür, daß man Boden unter den Füßen hat, nicht nur im gewöhnlichen, sondern im historischen Sinne des Wortes. Freilich behaupten Leute der kalten oder der „reinen" Vernunft, die Moral habe keine Bedeutung. Gewiß kann man sie in keiner Bank, nicht einmal in der Palästinabank diskontieren, aber auf dem Weltmarkt hat sie eine große Bedeutung. Es hat eine Bedeutung, den jüdischen Künstlern, den Männern der Wissenschaft, den arbeitenden Juden Achtung zu verschaffen. Herr Dr. Marmorek sprach gestern sehr begeistert, aber so unklar, daß man den Eindruck gewinnen konnte, er sei gegen diese Einrichtungen in Palästina. Meine Damen und Herren! Es handelt sich nicht nur um jene hunderttausend Juden, die in Palästina wohnen. Aber wir haben auf der ganzen Erde kein Plätzchen, wo das jüdische Wort frei und kühn ausgesprochen werden kann und darf/ Die Juden der ganzen Welt tragen eine Maske, ob sie Gelehrte, Künstler, Männer der Wissenschaft sind oder nicht. Wir wollen ein freies Plätzchen schaffen, wo die jüdische Seele sich ausleben kann. Hier auf dem Kongreß, meine Damen und Herren, haben wir jüdische Künstler: Schatz, Pilichowski, Glicenstein, Struck, wir haben einen Dichter, der jeder zivilisierten Nation eine Zierde wäre, Bialik! (Stürmische Akklamation.) Und Bialik hat mit Bier gehandelt, Kohlen verkauft, und jetzt beschäftigt er sich mit dem Druck von Annoncen und Visitenkarten. So pflegt ein Volk, das aufleben will, den Geist! Wir vergeuden unsere Kräfte und wir leiden nicht nur an der äußeren Zerstreuung, sondern auch an der inneren, an dem Pis'ron hanefesch. Unsere Seelen sind zerstreut, wenn Sie sie sammeln wollen, werden Sie nur Splitter finden. Pflegen Sie den natürlichen Boden, wo es keine Nachahmung gibt, denn Nachahmung ist Gift für jede gesunde Entwicklung. Bei Karlsruhe haben die Deutschen ein Künstlerdorf gegründet, nach dem Scharen von Pilgern gehen,