Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 8 (1907) Haag, 14. bis 21. August 1907
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 268 (sequence 266)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 268 — ein geistreiches Wort zu variieren, an diesem jüdischen Religionsunterricht nichts jüdisch ist, außer dem Deutsch mancher Religionslehrer. Alles Individuelle, spezifisch Jüdische, Historische, Nationale ist hier peinlich ausgeschieden, verdünnt, verwässert, verallgemeinert, entpersönlicht und in die blauen Wolken des Menschentums gerückt. Als Korrelat der Verschmelzungstendenz hatte der Religionsunterricht eine geschichtliche Funktion, mit dem siegreichen Vordringen des jüdischen Nationalgedankens hat auch diese Form der jüdischen Erziehung ihre Rolle ausgespielt. Die adäquate Erziehungsform' unserer Epoche kann einzig und ausschließlich die nationale Erziehung sein. Diese wird ebenso verschieden sein vom Cheder wie vom Religionsunterricht; sie wird an Stelle des Talmudunterrichts von der einen und des katechetischen Religionsunterrichts von der andern Seite den nationaljüdischen Unterricht setzen. Entsprechend unserer heutigen Stellung zum jüdischen Problem fällt diesem Unterricht eine andere, neue Mission zu: das heranwachsende Geschlecht einerseits mit dem historischen Judentum, anderseits mit der Gesamtheit der zeitgenössischen Juden in einen lebendigen, bewußten, auf Wissen und innerem Erlebthaben beruhenden Zusammenhang zu bringen. Im Rahmen dieses Unterrichts ist das Hebräische nicht mehr bloß Bibel- und Gebetsprache, sondern die lebendige Sprache der Juden von heute, das realste Bindemittel der Juden in der Diaspora; hier ist die Geschichte nicht mehr Archäologie, sondern das Erkennedichselbst einer lebenden und für neue Geschicke sich rüstenden Nation, die aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen will. In diesem Unterricht soll die jüdische Jugend das Judentum in allen seinen Verzweigungen und Aeußerungsformen innerlich erleben, aus ihm soll ihr der Glaube an unsere Zukunft und die Kraft zum nationalen Kampfe erblühen. Hoher Kongreß! Man kann in unserer Mitte oft die Behauptung hören, diese Nationalisierung der Erziehung werde erst möglich sein, wenn wir, die Zionisten, die Kultusgemeinden und die anderen jüdischen Institutionen „erobert" haben werden. Dieser Weg' scheint mir nicht gangbar, denn wir befinden uns hier in einer Art circulus vitiosus: Von. der einen Seite wollen wir die jüdischen Institutionen erobern, um die nationale Erziehung realisieren zu können; die „Eroberung" dieser Institutionen wird aber in Wirklichkeit nur dann möglich sein, wenn die Mehrheit der maßgebenden jüdischen Volkskreise national empfindet, d. h. bereits national erzogen ist. Es scheint also wenig einleuchtend, die Verwirklichung der nationalen Erziehung von einem Umstand abhängig zu machen, der in Wirklichkeit nur das Ergebnis der nationalen Erziehung