Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 8 (1907) Haag, 14. bis 21. August 1907
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 108 (sequence 106)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 108 —> hat uns nicht gestärkt, sondern unsere Lage in vieler Hinsicht noch verschlimmert. Unsere Existenz ist noch immer illegal und wir werden kaum geduldet. Die Mitglieder des Zentralorgans müssen immer gefaßt sein, auf Rechnung des russischen Staates in eine separate Zelle einquartiert zu werden. Unter solchen Verhältnissen vollzieht sich unsere zionistische Tätigkeit in Rußland. Trotz alldem bleiben wir die größte Organisation der Juden Rußlands, der größte Faktor im politischen Leben der Juden in Rußland. Bei den Wahlen der ersten Duma" sind 5 zionistische Deputierte gewählt worden. In Rußland ist jetzt eine einzige Propaganda des Zionismus möglich, eine Propaganda der Tat. Wenn wir tatsächliche Erfolge in unserer Arbeit für und in Palästina aufweisen könnten, könnten wir sicher sein, daß die temporäre Krise bald ein Ende nehmen wird und wir nicht nur moralische, sondern auch materielle Erfolge der Bewegung werden aufweisen können. (Beifall.) Del. Dr. Ehrenpreis: Hoher Kongreß! Verzeihen Sie, daß ich gezwungenermaßen an der Debatte zum zweitenmal mich beteilige und für einige Augenblicke die Aufmerksamkeit des Kongresses beschäftige. Meine gestrigen Bemerkungen über die prinzipielle Frage der inner politischen Tätigkeit, nicht nur in Galizien, sondern in der ganzen Welt, haben, wie ich gehört habe, eine unnötige Erregung und Verbitterung gegen mich in dem Kreise der galizischen Zionisten hervorgerufen. Es tut mir dies um so mehr leid, als diese Erregung auf Seite meiner lieben alten Freunde in Galizien herrscht, denen ich jahrzehntelang in zionistischer Arbeit nahegestanden habe. Diese Erregung kann nur darauf beruhen, daß die Herren nach der schweren Arbeit, die wir ja gestern mit Loyalität anerkannt haben, — ich sage, wir verbeugen uns vor dem Heroismus, den die Führer und das ganze galizische Judentum an den Tag gelegt haben —, meinen Worten einen anderen Sinn beigelegt haben, als ich ausdrücken wollte. Ich wollte durchaus nicht — und das kann der Kongreß auch nicht machen — mich in die innerpolitischen Angelegenheiten eines Landes einmengen, ich wollte auch nicht eine Resolution des Kongresses provozieren und habe auch keine beantragt. Ich wollte auch kein absprechendes Urteil über das Geschehene aussprechen, habe dies auch nicht getan. Was ich wollte, ist, daß ich den Eindruck und die Ueberzeugung gewonnen habe, was auch heute von Dr. Pasmanik bestätigt wurde t— auch Waldmann aus Tarnopol, der am letzten Kampfe teilgenommen hat, ist derselben Ansicht —, daß diese Tätigkeit bei aller Anerkennung ihres großen moralischen Erziehungswertes für die galizischen Juden unmittelbar eine Schwächung der rein zionistischen Aktionen nach sich gezogen hat und ziehen muß. Und weil ich befürchten muß, daß bei einer weiteren Expansion dieser Aktion eine vollständige Inanspruchnahme aller unserer Energie und eine vollständige Verschiebung des zionistischen Terrains eintreten könnte, habe ich es für meine Pflicht gehalten, von dieser Tribüne meine warnende Stimme zu erheben, damit wir uns nicht allzusehr von dem Boden entfernen, auf dem wir stehen. Das wollte ich gesagt haben und wiederhole, es lag kein Grund, zu einer Erbitterung vor. (Rufe: Was soll geschehen?) Vor allen Dingen sage ich: es tue jeder seine Pflicht, aber üben wir Duldsamkeit! Wenn wir von der ganzen Welt Duldsamkeit verlangen, müssen wir zuerst unter uns Toleranz üben. Es hat heute dem Herrn Dr. Pasmanik gefallen, den wiederholt totgesagten Kulturzionismus nochmals totzuschlagen. Er hat obendrein im persönlichen Tone gegen mich gesprochen, auf welchem Gebiet ich ihm nicht folgen werde. Er hat selbst anerkannt, daß die innerpolitische Tätigkeit eine Schwächung des Zionismus nach sich gezogen hat, dasselbe, was ich gestern sagte. Er nannte die Kulturzionisten aristokratische Zionisten, das ist einfach ein Schlagwort, das nur verwirrend wirken kann. Er sprach uns vom Hunger und sagte uns: Ihr seid Ideologen, die einem hungernden,