Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 8 (1907) Haag, 14. bis 21. August 1907
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 88)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 90 — 6. und 7. Kongreß sich mit der Kultur nicht beschäftigt. Wenn das Volk hungert, denkt es nicht an Literatur, sondern vor allem daran, den Hunger zu stillen. (Rufe: Womit werden Sie den stillen?) Vizepräs. Dr. Gaster: iSie werden dann Gelegenheit haben, Herr Dr. Ehrenpreis, zu erwidern. Den Herrn Redner bitte ich aber fortzufahren. Del. Dr. Pasmanik: Wenn wir uns an die Spitze der Bewegung stellen, dann werden wir, dessen bin ich sicher, die Massen mehr für uns gewinnen, und wenn wir auch kleine Arbeit leisten, so wird diese doch von zionistischem Geiste getragen werden. Auf diese Weise können Sie Kräfte sammeln. Nun gibt es noch einen zweiten Weg. Dieser ist der der realen politischen Tätigkeit in Palästina. Da möchte ich gerade Herrn Dr. Nordau einen Vorwurf machen. Wenn seine Rede in Paris .richtig wiedergegeben war, so wollte er, der jetzt von der Ansammlung der materiellen Kräfte spricht, uns gerade diesen wichtigsten Weg abschneiden. Denn wie wollen Sie anders diese materiellen Kräfte sammeln, wenn Sie nicht schon jetzt eine reale politische Tätigkeit in Palästina entwickeln? Wenn Sie zu den Massen kommen und sagen, wir werden eines schönen Tages Erez Jisroel erreichen, dann finden Sie ein taubes Ohr. Wenn Sie aber sofort kommen mit positiven Resultaten, wenn Sie sagen können, wir haben das und das in Palästina erreicht, dann können Sie sicher sein, möge auch das Resultat kein großes sein, den Weg der Realisierung gezeigt zu haben, und da;nn haben Sie die Massen für sich gewonnen. (Beifall.) Man wendet leicht ein: Jawohl, wir sind für reale, aber nicht für unreale Arbeit. Ich möchte diese Herren fragen, ob sie nicht einen kleinen Irrtum begehen, indem sie mit dieser Ausrede gar keine Arbeit leisten wollen. (Zustimmung). Wenn wir realpolitische Arbeit in Palästina verlangen — ich möchte das konstatiert haben —, geschieht es nicht etwa, weil wir den Charakter des politischen Zionismus vernichten wollen, nicht weil wir Chowewe-Zionisten geworden sind, sondern weil wir richtige politische Zionisten sind. (Beifall.) Weil wir keine Utopisten sein wollen, weil wir wissen, daß das Ziel nicht auf einmal erreicht werden kann, daß die jüdische Bewegung nur auf evolutionärem Wege zu erreichen ist und nicht auf revolutionärem Wege. (Beifall.) Es ist ein Unrecht von denjenigen, die uns jeden Augenblick vorwerfen, wir predigen hier Chowewe- Zionismus; das ist nicht wahr, sondern wir sind tatsächlich realpolitische Zionisten. (Lebhafter Beifall). Es ist nicht meine Rolle, hier ein reales Programm zu entwickeln, dafür hatten wir ein engeres A. C., und den größten Vorwurf, den ich erheben kann — und ich glaube, in diesem Vorwurfe sind alle anderen Vorwürfe konzentriert — ist folgender: Während der verflossenen zwei Jahre war kein klar und konsequent durchdachtes Programm dieser realen politischen Tätigkeit vorhanden, und dieser Vorwurf wird noch erschwert, wenn ich sage: Jetzt sind wir hier versammelt, aus aller Herren Ländern, für manchen ist die Reise hierher mit sehr großen Opfern verbunden, und ich frage: Was haben Sie unserm 8. Kongreß geboten? Und nun hört man, daß man nicht einmal zu einer Tagesordnung gekommen ist. (Lebhafter Beifall.) Glauben Sie mir, hochverehrter Herr Präsident, daß ich vollauf an Ihre vollständige Ergebenheit für unsere Sache glaube, ich bin dessen sicher. Aber das genügt nicht für einen politischen Mann, für den Führer einer politischen Bewegung, sondern wir müssen in Ihnen den Führer fühlen und das fühlen wir leider nicht. (Lebhafter Beifall einerseits — lauter Widerspruch, Zwischenrufe und Zischen andererseits, im. Saal und auf den Galerien.) Vizepräs. Dr. Gaster: Ich muß die Galerien aufmerksam machen,, daß die zugelassenen Gäste zum Besuche hier sind, sich aber an den Arbeiten des Kongresses weder mit Beifallsnoch mit Mißfallensbezeigungen beteiligen dürfen.