Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 7 (1905) Basel, 27. Juli bis 2. August 1905
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 167 (sequence 165)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 167 - Sichtspunkte auffasst, seine Agitation nicht nur, sondern seine gesamte zionistische iVnschauung nun danach einrichtet, was seine lieben Mitbürger dazu sagen. Da kann ein Zeitungsartikel, eine politische Aktion, eine Rede einen solchen Vertrauensmann oft in Verzweiflung bringen, weil dadurch vielleicht die Lehre des von ihm gepredigten, für die reifere Jugend von Tirschtiegel oder Dingsdorf bearbeiteten, zensurierten und korrigierten Zionismus desavouiert wird. Wer öfters Agitationsreisen unternimmt, kennt diese interessante Erscheinung. Schon auf dem Bahnhof wird dem erwarteten Redner die erste Instruktion erteilt: „Hier muss man ganz besonders vorsichtig sein., hier herrschen ganz eigenartige Verhältnisse, hier ist ein ausnahmsweise schwieriger Boden.'4 Nun, das geht noch an! Eigenartige Verhältnisse und ein ausnahmsweise schwieriger Boden liegen überall vor und sind des Agitators tägliches Brot. „Verletzen Sie nur nicht religiöse Gefühle — nicht die Vaterlandsliebe!" Als ob ein vernünftiger Mensch bei ernsthafter Klarlegung unserer Idee sich jemals in religiöser oder patriotischer Richtung gekränkt fühlen könnte. Es kommt aber noch besser: „Hier hat man grosse Furcht vor den Antisemiten," oder „der Herr Soundso hat eine Tante in Jerusalem" oder „Herr Kommerzienrat X. hat einen katholischen Schwiegersohn". Nun ja, solche Tante in Jerusalem, oder solch kommerzienrätlicher Schwiegersohn können unter Umständen dem ganzen lokalen Zionismus das Gepräge aufdrücken. Ein vernünftiger Redner wird sich natürlich nicht bange machen lassen. Er wird von den Familienverhältnissen der geschätzten Herren Soundso und X. mit Vergnügen Kenntnis nehmen, aber sein Sprüchel unbeirrt sagen. Es ist immer das grosse Ganze im Auge zu behalten, und unter Umständen kann ein Agitationsredner, nach dessen Vortrag 90 0/0 aller Gruppenmitglieder ihren Austritt erklären, weil sie nämlich erst jetzt wirklich das Wesen des Zionismus erfahren, segensreicher wirken, als der Vertrauensmann, der mit wer weiss welcher verschwommenen Darstellung Massenbeitritte herbeigeführt hat. Gerade die von aussen kommenden, mit den lokalen Verhältnissen unbekannten Agitatoren können für die Einheit der Bewegung Unendliches leisten. Ueberaus zu wünschen wäre es, wie ich an dieser Stelle vorwegnehmen will, wenn von Zeit zu Zeit die Hauptredner der einzelnen Länder in fremde Länder gingen, um so die internationale Diskussion zu fördern und so die Einheitlichkeit der Arbeit noch mehr zu stärken. Also das Ganze ist im Auge zu behalten: auf den Sieg der Idee hinarbeiten wir und nicht, um gerade den einen oder anderen zu bekehren. Und nicht allzu viel Angst; sollen wir