Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 7 (1905) Basel, 27. Juli bis 2. August 1905
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 121 (sequence 119)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 121 - dass wir ein anderes Land annehmen sollen, sagen wir frei und entschlossen: Nein! (Lang anhaltender Beifall und Händeklatschen.) Del. Wunderlich: Als Herzl vor dem VI. Kongress aufgefordert wurde, seine Meinung zu sagen, wie er sich die Gestaltung des künftigen Judenstaates vorstelle, da schrieb er sein „Alt-Neuland", und unbewusst oder vielleicht absichtlich hat er das Volk, an dessen Spitze er stand, dahin charakterisiert: „Vorläufig seid ihr noch Träumer, einen königlichen Traum träumt ihr, es ist ein Märchen vorläufig." Das ist immer der Fluch gewesen, der auf uns ruhte, dass wir Träumer waren, dass wir einen königlichen Traum, träumten, dass wir aber nicht die Mittel fanden, um zum Erwachen zu kommen, um als aus dem belebenden Schlafe Erwachte zu kühner Tat fortzuschreiten. Ein Nichts waren wir. Herzl hat versucht, uns zu etwas zu machen. Und wann trat dies ein? Nicht damals, als er sein „Alt-Neuland" schrieb, da war schon eine Reihe von Kongressen ins Land gegangen. Nein, das erste Mal, das allererste Mal, da das jüdische Volk aus seinen Träumen herausgerissen wurde, da es erwachte, das war auf dem vorigen Kongresse, damals, als die grösste Weltmacht mit uns in Verhandlung trat. Damals war es, wo uns die Binde, die jahrhundertelang um unsere Augen gehüllt war, von den Augen gerissen wurde, und damals sollten wir sehen lernen. Haben wir es gelernt? Der heutige Kongress will die Antwort darauf geben, von der die Geschichte einst nur sagen wird: Wir sind blind geblieben, wir haben nicht sehen wollen. Aber das eine wollen wir von der Opposition wenigstens durchsetzen, das eine soll erkannt werden: nicht alle sind blind geblieben, einzelne von uns, heute noch eine Minderheit, einst, hoffentlich, die Mehrheit, . sie haben sehen gelernt. Als H e!r z 1 das Uganda- Projekt hier verfocht, da sagte er: Zion ist es nicht und kann es nicht sein und werden, und dasselbe sagen wir politischen Zionisten ebenfalls. Zion ist es nicht, Zion kann es nicht werden, aber es soll etwas anderes sein, es soll uns ein Mittel sein, um zu dem Ziele Zion zu kommen. Zion ist das grosse Ziel, dem wir nachstreben, der grosse Morgen, dem wir entgegenharren. Wir gehen aber diesem Morgen entgegen in dem Dunkel der Nacht, auf dem blutigen Wege, der hin und wieder nur erhellt wird durch die Blitze des Pogroms, und auf diesem furchtbaren Wege, auf dem unser armes Volk zusammenbrechen will, da brauchen wir etwas, was unser heutiger hochverehrter Herr Präsident damals das Nachtasyl genannt hat. Das ist das erste Motiv, das uns veranlasst, heute schon etwas Praktisches zu tun für unser Volk, auf dass es auf dem Wege zum Licht, zur Freiheit nicht zugrunde gehe. Wir haben zu H e r z 1 das Vertrauen gehabt, dass das Instrument, das die britische Regierung ihm in die Hand gegeben hat, in seinen Händen zu einer Zionsharfe werden würde. Wir sind ihm gefolgt, wir haben ihn verstanden, denn er war unser. Haben Sie ihn überhaupt verstanden? Wussten Sie denn, wohin Herzl Sie führen wollte? An jenem denkwürdigen Abende, als hier das Ostafrika-Projekt prinzipiell angenommen worden war, da zogen Sie aus, und in jenem Saale nebenan, da durften Sie es wagen, dem im wahren Sinne des Wortes an die Wand gedrückten Herzl zuzurufen — es tat es einer aus Ihrer Mitte, ohne dass ein einziger sich zu» seinem Schutze erhoben hätte —: vous etes un traitre — du bist für uns ein Verräter. Und dann kam Charkow, und dann kamen die Emissäre von Charkow nach Westeuropa, die für die Idee des Aufruhrs Propaganda machen sollten, und in Berlin wagte es einer von ihnen, der auf diesen Bänken sitzt, mit Bezug auf Herzl zu. sagen: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Das waren Sie. Sie haben es nicht verstanden, was Herzl aus seinem Volke machen wollte. Sie haben es nicht empfunden, dass Herzl sein Volk zum Ziele führen musste nur auf dem eingeschlagenen Wege der praktischen Politik. Der grösste Realpolitiker des vergangenen Jahr-