Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 7 (1905) Basel, 27. Juli bis 2. August 1905
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 105 (sequence 103)
- Language
- German, English, Hebrew
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als sie sonst gekommen wäre. Aber sie musste kommen, die Teilung musste vor sich gehen. Die zionistische Bewegung bedeutete im Anfange eigentlich nur einen Aufschrei. Die ganze .Geschichte des jüdischen Volkes, seitdem es die nationale Unabhängigkeit verloren hat, wrar eine anormale. Im Verlaufe dieser Geschichte wurde in einem fort der Gedanke gesammelt und gestärkt: Es muss ein freies Leben geschaffen werden, und dieses freie Leben kann nur auf einem eigenen Territorium sein. Dieses Territorium war dann, wie ich sofort zugebe, Palästina. Von einer Ausführung dieser Idee konnte aber selbstverständlich im Laufe dieser ganzen Zeit nicht gesprochen werden. Die kulturellen Verhältnisse in der die Juden umgebenden Welt waren nicht solche, dass sie eine Befreiungsbewegung begünstigt hätten. Die technischen Mittel waren nicht geschaffen, und für das jüdische Volk wrar die historische Notwendigkeit noch nicht gekommen. Das jüdische Volk konnte wandern, es wanderte von Land zu Land. Es konnte nicht mehr in Spanien bleiben, es konnte nicht mehr als Mittler für spanische herrschende Klassen dienen. Es wurde herausgeschmissen. Dann konnte es in ein anderes Land wandern, wo es noch von Nutzen sein sollte: Die Juden von Spanien, die auf einer höheren kulturellen Stufe standen, konnten nach Deutschland gehen, wo sie als Mittler, als Leute, die als Handelsklasse dastanden und Verbindungen in der ganzen Welt hatten, ins deutsche Leben eindringen, und, so viele Hunderte und Tausende sie waren, einen Platz einnehmen konnten. Später wurden sie auch von dort verjagt. Es entstand eine eigene Klasse von Vermittlern, die Juden waren nicht mehr nötig. Sie hatten keine tiefe Wurzel im nationalen Leben gefasst, sie blieben nur am Rande des nationalen Lebens, blieben nur beim Geldhandel, der die mobilste Form ist, und wenn man sie nicht mehr nötig hatte, konnten sie auswandern. Sie wanderten nach Polen, wo wieder die Kultur eine niedrige war und die Staatswirtschaft sich erst zu entwickeln anfing, wo man sie aufnahm, weil sie der Bevölkerung von Nutzen waren und da man sie so leicht exploitieren konnte, w^eil sie politisch so schwach waren; wo man so leicht Erlasse herausgeben konnte, nach welchen das ganze Geld, das die polnische Aristokratie den Juden schuldig war, von einem bestimmten Tage ab nicht mehr geschuldet wurde. Die historische Notwendigkeit war für das jüdische Volk noch nicht gekommen, aber das Leben war abnormal. Die Folge war immer eine Bewegung. Diese Bewegung nahm mystische Formen an, die Bewegung war religiös. Die Juden konnten nichts machen, sie hatten nicht die Kraft, etwas auszuführen, und die ganze Zeit im Mittelalter war von einer bloss mystischen und religiösen Bewegung ausgefüllt. Da sehen wir diese Sehnsucht nach Palästina entstehen und erstarken, da träumte das Volk von seinem Lande und von einem freien Leben daselbst. Das erste Mal, wo das jüdische Volk mit der Freiheits-Welt in Berührung kam, das erste Mal, wo für das jüdische Volk die historische Notwendigkeit kam, wo es nicht weiter gehen konnte, wo es keinen Platz mehr fand, wohin es gehen konnte, in dieser letzten Epoche hören wir auch zum ersten Male einen modernen Ruf nach nationaler Wiedergeburt und Autonomie ertönen. Das war der Fall mit der „Automanzipation" von Pinsker und mit dem „Judenstaat" von H e r z 1. Dass diese zwei zionistischen Denker und Führer, die doch an zwei Wendepunkten des zionistischen Lebens stehen, Territorialisten waren, wird doch wohl keiner von Ihnen bestreiten. Sie erinnern sich alle an das Wort von Leo Pinsker: „Das einzige, woran wir .denken müssen, ist, dass wir nicht das heilige Land bekommen wollen, sondern dass wir e i n Land bekommen müssen, wo es auch sein mag. Dorthin werden wir das Allerheiligste mitbringen, dort wird unser Land, das jüdische Land, sein." Im Judenstaat von Herzl kennen Sie doch das