Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 7 (1905) Basel, 27. Juli bis 2. August 1905
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 9)
- Language
- German, English, Hebrew
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viel geweint worden, man hat in Trauerreden viele Worte gemacht, aber das jüdische Volk hat bis heute der Familie Herzls noch nicht ein Drittel des Barvermögens ersetzt, das Herzl ihm geopfert hat, ausser neunjähriger übermenschlicher Arbeit und ausser seinem Leben. Als er seinen Weckruf an das jüdische Volk ertönen Hess, da sammelte sich statt der bestimmt erwarteten Millionen nur ein kleines Häuflein um ihn; dieses Häuflein ist ihm bis zu seinem letzten Atemzuge treu geblieben, es hat sich im Laufe der Jahre auch stattlich vermehrt, aber selbst jetzt, nach neun Jahren leidenschaftlicher Propaganda, macht es erst etwa ein Sechzigstel der gesamten Judenheit ans. Ein Sechzigstel! Und mit der Arbeit und den Opfern dieses armen winzigen Sechzigstels sollte das Ganze, das reiche, grosse, teilnahmslos beiseite stehende Ganze befreit werden. Herzl wollte das Missverhältnis zwischen der Kraft und der Aufgabe nicht sehen. Er wollte nicht an die dauernde Gleichgültigkeit des jüdischen Volkes glauben. In seinen Plänen und Berechnungen setzte er immer das ganze jüdische Volk als Haben an. Das war die Ursache des Fehlschlagens seiner Unternehmungen; das war seine Schwäche, sagen seine kaltherzigen Kritiker; das war seine Stärke, das war seine Grösse, sagen wir, die ihn verstanden haben. Nichts konnte seinen Glauben an sein Volk, nichts konnte sein Vertrauen zu seinem Volke erschüttern. Er verschloss zuletzt absichtlich die Augen vor der Wirklichkeit und sah im Geiste immer nur ein ideales Volk von zwölf Millionen Herzl vor sich, das ihn zu seinem Sachwalter berufen hatte. Wenn er erhobenen Hauptes vor den grössten Herrschern der Erde stand und ruhig mit ihnen sprach, so war dies weder Dreistigkeit noch Mangel an Verständnis für Proportion, sondern die Wirkung der ihn beherrschenden Vorstellung, class zwölf Millionen Adelsmenschen hinter ihm standen, die ihm ihre Vertretung anvertrauten und für die er sich nichts vergeben durfte. Wie sehr dieser Stolz für seine Auftraggeber mit persönlicher Bescheidenheit zusammengehen konnte, beweist die beredte Tatsache, dass er von einer hochpolitischen Unterredung mit einem Papst, Kaiser oder König schlicht in seine Wiener Redaktionsstube zurückkehrte und pflichttreu seine journalistische Tagesarbeit, manchmal eine recht untergeordnete Routinearbeit, verrichtete, während in seiner Seele noch die Worte nachklangen, die er mit den Mächtigsten der Zeit über die Zukunft seines Volks, über die Geschicke von Nationen und Ländern ausgetauscht hatte. Es ist anscheinend das Los unseres Volkes, dass seine