Mannheim
Compact Memory

Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in … · 1905-01-01 · 7 (1905) Basel, 27. Juli bis 2. August 1905 · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
Volume
7 (1905) Basel, 27. Juli bis 2. August 1905
Date
1905-01-01
Page
Seite 8 (sequence 6)
Language
German, English, Hebrew
Belongs to
journal volume
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3476254-3476268--2218-3478357
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 8 — Paganini, der vor der Erfindung des Instruments geboren war, auf dem allein sein Genie sich offenbaren konnte. Herzl war ein geborener Staatsmann ersten Ranges ohne Staat/ohne organisiertes Volk1, ohne ein einziges der Machtmittel, womit man praktische Politik machen kann. Sein Fall steht nicht einzig da. Immer noch bringt das alte Judenvolk von Zeit zu Zeit staatsmännische Talente hervor, für die es keine Verwendung hat. Manche schaffen sich gleichwohl ein Tätigkeitsgebiet, aber es liegt ausserhalb ihres Volkes. Denken Sie an Disraeli, für den eine Judengemeinde sicher zu eng gewesen wäre, da ja das britische Weltreich ihm kaum weit genug war. Herzl, ich sage das ruhig, im Bewusstsein, mich nicht zu Ueberschwang fortreissen zu lassen, Herzl hatte das Zeug zu einem aridem Disraeli. Er hätte einer werden können, wenn er getan hätte, was Lord Beaconsfield tat. Aber er wollte es nicht tun und beschied sich zu dem Martyrium, mit leerer Hand grosse Politik machen zu wollen, grosse Politik für das jüdische Volk, dessen amtliche Vertreter und Wortführer leugneten, dass es ein Volk sei. Herzl ging kaltblütig daran, aus einem Menschenstaub ohne gemeinsamen Willen und Ziele ein Volk zu schmieden, diesem Volk ein Land zu gewinnen, ohne Heer, ohne Flotte, ohne Finanzen von Regierungen, die nur mit diesen Faktoren rechnen, Zugeständnisse zu erlangen. Das war ein Unternehmen, vor dem der Kühnste zurückgeschreckt wäre. Es war ein vollkommen aussichtsloses Unternehmen, sagten die Gegner des Zionismus. Herzl aber war von seiner Ausführbarkeit überzeugt und liess sich nicht irre machen, wenn andere eine Utopie nannten, was er als nötiges und mögliches Werk vor Augen hatte. Es wäre eine grosse Ungerechtigkeit, Herzl Urteil abzusprechen. Er hatte im Gegenteil einen scharfen kritischen Sinn und fand früher als andere alle Schwächen eines Plans heraus. Wenn er gleichwohl ohne Zögern unternahm, was anderen unmöglich bis zur Verrücktheit schien, so erklärt sich dies aus der Geschichte seiner Sendung. Als er den Gedanken fasste, dem jüdischen Volk den Weg zur Erlösung aus tausendjähriger Schmach zu weisen, da kannte er genau, von seinen Eltern abgesehen, eigentlich nur einen einzigen Juden — sich selbst. Zum wirklichen, lebendigen Judentum hatte er bis dahin keine Beziehungen gehabt. Es lebte in seiner Vorstellung nur in der Verkörperung eines Judas Makkabäus, Bar Kochba, Juda Halevy, Spinoza, Heine. Die Eigenschaften dieser Männer, seine eigenen Eigenschaften setzte er ohne weiteres bei allen oder doch den meisten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.