Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 6 (1903) Basel, 23. bis 28. August 1903
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 240 (sequence 241)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 240 — keine Rede sein. So völlig auf sich selbst gestellt und allein auf den Ertrag einer Selbstbesteuerung angewiesen, bewahrten sie während des Jahrhunderte langen Kampfes um die Selbsterhaltung die Einfachheit der väterlichen Sitte und damit auch im wesentlichen die latente nationale Einheit des Volkes. Das wird erst anders mit der späteren Kahalszeit, als die Juden, das bis dahin unterdrückte und nicht selten den Verzweiflungskampf um seine Existenz führende Volk zu einer nicht unbedeutenden Stellung im ökonomischen Leben der Ostvölker kamen. Die Quellen über diese bessere Kalialszeit, welche uns einen Einblick in die sozialen Zustände der Juden gewähren, fliessen freilich ausserordentlich spärlich, immerhin reichen die übergebliebenen Schriften der Kanal- und Vereins-Privilegien aus, um die Anfänge des Bildes zu erkennen, welches die späteren Pinkesaoth uns mit lebhafteren Farben und in kräftigeren Zügen zeichnen. Es tritt uns in einzelnen Kreisen des Volkes ein Schwinden der Einheit und des Gleichgewichts entgegen. „Manche Juden erhielten das Recht, Grund und Boden zu erwerben und frei Handel und Handwerk zu treiben. Unter dem Schutze solcher Privilegien begann eine merkliche Assimilation der Juden mit der einheimischen Bevölkerung. Die wirtschaftlich Tüchtigen oder Glücklichen machten von. dem Rechte des Gelddarlehens, der Steuerpacht und des Handels erfolgreichen Gebrauch, oder sie wurden Grossgrundbesitzer und näherten sich ihrer Bildung und Lebenshaltung nach immer mehr dem christlichen Adel. Ein Teil ging zum Christentum über, ein anderer war nahe daran; die wirtschaftlich Schwachen f ührten eine kümmerliche Existenz als Kleinhandwerker oder Krämer; in bestimmten Stadtvierteln angesiedelt, behielten sie ihre nationalen Gebräuche und Sitten; aber auch sie hätten in der Masse der einheimischen Bevölkerung untergehen müssen, wenn das parallel gehende Steigen der städtischen Selbstverwaltungsrechte nicht eine entgegengesetzte Wirkung hervorgerufen hätte." Das so bedingungslos verurteilte System der C h a s a k a und M a a r u f i a, welches darin bestand, eine zügellose Konkurrenz unmöglich zu machen und die Selbständigkeit der Gewerbe zu beschützen, war im Grunde ein Versuch, welcher von dem Pranzipe der wirtschaftlichen Solidarität ausging, konnte aber infolge der äusseren Verhältnisse sieh nicht erhalten. So musste der Kanal zu den kleinen traditionellen Formen des Zedakah zurückgedrängt werden. Sehen wir von den rein rituellen Gemeindeeinrichtungen ab, so treten uns namentlich 4 Forderungen, welche zugunsten der Armen geltend gemacht werden, entgegen: 1. Der uentgeltliche Unterricht für die Kinder der Armen, der sogenannte Talmud-Thora, wobei allerdings fraglich ist, ob die ersten Anstalten dieser Art speziell für die Kinder der Armen, oder zusammen mit den Kindern der Bemittelten eingerichtet waren.