Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 6 (1903) Basel, 23. bis 28. August 1903
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 201 (sequence 202)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 201 — keinen Beschluss lassen — und wird sagen: Wir wollen auch nach Ostafrika eine Ansiedlung schicken. Ich weiss es nicht, ich kenne die Verhältnisse nicht. In unserem Antrage, nämlich der schweizerischen Landsmannschaft, den ich verlesen habe, heisst es, man muss der Kommission alle Dokumente vorlegen, die sich darauf beziehen. Die Kommission wird in erster Linie prüfen: Ist unbedingt Ostafrika als Nachtasyl notwendig? Und erst dann, wenn die Kommission zur Ueberzeugung kommen wird, dass die Lage der Juden eine derartig trostlose und aussichtslose ist, dass man in ein Nachtasyl gehen muss, wird sie auf die Frage über Ostafrika übergehen können. Die Herren wollen aber nicht einmal dieser Prüfung sich unterwerfen. Wer nicht persönlich angewiesen ist auf ein Nachtasyl . . . (Ruf: Sind Sie angewiesen?) Ich auch nicht! Aber ich begreife die Lage derjenigen, die darauf angewiesen sind, die anderen, die nicht angewiesen sind, sind nicht imstande, sich in die Lage jener Leute zu versetzen. (Beifall. — Widerspruch. — Del. Dr. S. Levin : Das ist unwahr'.) Vizepräs. Dr. Nordau: Das ist eine persönliche Beleidigung, die bitte ich zu unterlassen und nicht zu unterbrechen. Herr Dr. Farbstein, Ihre Redezeit ist abgelaufen. Del. Dr. Farbstein: Ich schliesse, indem ich Ihnen empfehle, die Ostafrika-Frage einer Kommission zu überweisen. (Lebhafter Beifall.) Del. Dr. Heinrich Loewe: Meine Damen und Herren! Es wäre verfehlt, wollte ich hier im Namen der Hungernden sprechen. Ich glaube, bei diesem plötzlich auftauchenden Gegensätze zwischen Zionismus und — sagen wir — abstrakten jüdischen Nationalismus, bei dem ich übrigens in meiner Landsmannschaft nicht so ganz allein stehe, obliegt auch dem Kongresse die grösste Verantwortlichkeit. Es ist niemand hier, der nicht fühlen muss, dass wir vor einem Wendepunkte in unserer ganzen Tätigkeit stehen, wenn wir auf das Projekt eingehen. Ich persönlich hatte unmittelbar unter dem machtvollen Eindrucke der Rede unseres grossen Führers an das von mir redigierte offizielle Organ der zionistischen Vereinigung in Deutschland einen Leitartikel geschickt, in dem ich vor allem den Ausdruck des Dankes zur Geltung bringen wollte, den wir für ein Anerbieten einer Nation empfinden müssen, wie es grossartiger noch nie geschehen ist. für eine Tatsache, die so grossartig ist, wie sie in der Weltgeschichte noch nicht verzeichnet ist. Eine solche Grossmut ist in der Völkergeschichte etwas ganz eigenartiges und wir haben alle Veranlassung, der englischen Regierung tiefe Dankbarkeit zu zollen dafür, dass sie uns ein Tor öffnet, wo die Tore aller anderen Staaten sich bereits verschliessen vor den Flüchtigen. Der Grund, warum ich ursprünglich für die Ueberweisung an die Kommission war, ist, dass ich wünschte, dass der englischen Regierung gezeigt wird, dass wir ein Projekt in Erwägung ziehen wollen, nur weil es von ihr ausgeht, obwohl dieses Projekt unserem Programme schnurstracks entgegenläuft. Aber die lange Verhandlung hat mich eines anderen belehrt und wohl auch alle diejenigen, die unsere Beratungen verfolgen werden, und das wird die englische Regierung — ob sie will oder nicht — tun müssen. Sie wird unsere Protokolle hernehmen, um zu sehen, was hier gesprochen wurde über ihr Anerbieten und. sie wird finden, dass wir unserem Programme zuwider in eine sehr lange und ernste Debatte über das Projekt eingegangen sind, das unserem Programm zuwiderläuft. Denn wäre der Vorschlag nicht von der englischen Regierung ausgegangen, wäre er nicht von unserem Dr. H e r z l vorgetragen worden, der ganze Kongress wäre achselzuckend oder mit Lachen darüber hinweggegangen. (Lebhafte Zustimmung.) Als ich gestern abend den Saal verliess, musste ich von einigen mir sogar recht befreundeten Herren den Vorwurf hören, ich sei um-