Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 6 (1903) Basel, 23. bis 28. August 1903
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 200 (sequence 201)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 200 — punkte verlangen von uns eine reifliche Ueberlegung der Sache: erstens die Rücksicht auf diejenige Regierung, die uns die hochherzige Offerte gemacht hat. Ebenso wie es der Anstand erfordert, dass man einer Privatperson sagt, wir wollen uns die Sache überlegen, ebenso verlangt es der parlamentarische Anstand, dass eine Angelegenheit durch eine Kommission geprüft werde. Sogar diejenigen, welche von der Sache nichts wissen wollen, haben sich zu sagen, es wäre ein übereilter Schritt, wenn wir schlankweg „Nein" sagen, wir wollen die Sache erst prüfen. Zweitens verlangt von uns eine reifliche Ueberlegung schon die Rücksichtnahme auf die Masse derjenigen, die faktisch emigrieren, und eventuell auch auf nationale Momente. Man hat gestern auf den Unterschied zwischen den westeuropäischen und osteuropäischen Juden hingewiesen. Die osteuropäischen Juden leben in Orten, wo das Judentum mehr in einem Punkte konzentriert ist, wo das kulturelle jüdische Leben mehr pulsiert, wo Sie mit dem Zentrum mehr in Kontakt sind als in Westeuropa. Wo dagegen die Juden zersplittert und vereinzelt leben, löst sich auch allmählich das nationale Leben auf, dort sind keine Juden, man kann höchstens sagen, jüdische Staubfäden. Die Herren sagen, es wird emigriert. Ob aber die vereinzelten Juden, die nach Südafrika, Kapstadt, Australien, New-York usw. gehen, zugrunde gehen oder nicht, das kümmert uns nicht. Wir aber wollen, wenn die Möglichkeit dazu vorhanden ist, dass die Massen doch an einem Orte zusammenleben können, dass sie auch als Juden sich kulturell und national ausleben können. Ich bin unbedingt für die Einsetzung einer Kommission. Jetzt spreche ich hier, und meine Ausführungen finden Ihren Beifall, und dann kommt ein anderer, der vielleicht ein besseres Organ hat oder Sie besser zu überreden versteht, und sagt das Umgekehrte,- und er wird auch applaudiert. Und auf diese einzelnen Ausführungen gestützt, sollen wir hier Beschlüsse fassen? Das wäre nicht mehr als Leichtsinn. In dem Momente applaudiert man mir und im zweiten Momente dem andern. Es ist eben unmöglich, aus dem Stegreife eine Sache genau zu prüfen. Wir müssen es uns genau überlegen, bevor wir so wichtige Beschlüsse fassen. Und noch ein dritter Grund ist es, der eine reifliche Ueberlegung der Sache verlangt, und das ist die Rücksicht auf unsere Gegner. Wenn wir zu der Ica gehen oder zu anderen Leuten und sagen: Seht einmal, wie es den Juden geht, so werden die Herren sagen: Ihr nehmt die Sache so leicht hin; für euch ist das alles Mumpiz; für euch sind die Hauptsache die Gefühle; sie werden sagen wie Herr Levin: Wras kümmert uns der Hunger der Juden in Russland? Wir müssen also auch auf unsere Gegner Rücksicht nehmen und müssen ihnen sagen: Wir haben nicht ohneweiters und leichtsinnig die Sache in die Hand genommen, wir haben sie geprüft. Erst dann, wenn wir zu der Ueberzeugung kommen werden, dass die Sache absolut unmöglich ist, werden wir „Nein" sagen. Warum fürchten denn die Herren die Kommission. Entweder ist der Plan gefährlich, dann wird die Kommission sagen: Nein, oder er ist es nicht, dann fürchten die Herren die Wahrheit. Denn nur derjenige fürchtet die Einsetzung einer Kommission, der die Wahrheit fürchtet. Wer die Wahrheit nicht fürchtet, hat keine Kommission, keine Untersuchung zu fürchten. (Lebhafter Beifan und Händeklatschen.) Wir sind nicht da, um Gefühlspolitik zu treiben; wir.sind hier, um die Wahrheit zu erforschen, und zwar diejenige Wahrheit, die der grossen Masse nützen kann. Und weil wir uns sagen müssen, wir können im Laufe von einigen Tagen, gestützt auf die Reden einzelner Redner, die 5 oder 10 oder 15 Minuten dauern, die Wahrheit nicht ergründen, wollen wir sie in einer Kommission zu ergründen suchen. Ich weiss nicht, ob wir sie dort finden können, aber wir wollen nach der Wahrheit streben. Mit einem Worte: Wenn die Herren die Kommission fürchten, fürchten sie die Wahrheit. Die Kommission wird eventuell beantragen — sie kann ja