Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 6 (1903) Basel, 23. bis 28. August 1903
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 198 (sequence 199)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 198 — aufgeben? Glauben Sie im Ernste, dass der Jude sein Zionsideal aufgeben kann? (Ruf: Ja, in Ostafrika!) Nein! Man hat uns in die Ghetti von New- York geführt, als Schwitzarbeiter, man hat uns in die Kolonien nach Argentinien geführt, und dort haben wir uns als die besten Zionisten erwiesen. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen. — Tücherschwenken.) Es ist nicht wahr, sage ich, dass gerade Verkommenheit und Druck dazu gehören, um Zionist zu sein. Wenn uns der Druck genommen wird, wenn man uns aus den elenden Verhältnissen herauszieht, dann sind wir erst Zionisten. Nicht Zionisten aus Not, aus Angst, sondern aus Liebe und Treue. (Tosender Beifall und Händeklatschen.) Gestatten Sie noch einen Gesichtspunkt Ihnen vorzuführen. Unsere rumänischen Auswanderer, welche seinerzeit durch Wien gezogen sind, haben den Magen David an der Seite gehabt. Manche der Herren Antizionisten, die aber berufen sind, dem jüdischen Volke auf der Wanderung zu helfen, haben sich lustig gemacht, und da hat man einen solchen Wanderer, indem man den Blick auf den Magen David heftete, gefragt: „Wohin ziehen Sie denn, dass Sie da als zionistische Organisation auftreten? Der Mann hat ruhig geantwortet: Herr, ich ziehe nirgends anders hin, als nach Zion. Ich kann aber im Moment nicht nach Zion, darum gehe ich über Kanada, über Chicago, über New-York, über Patagonien nach Zion. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Vizepräs. Dr. Nordau: Ihre Redezeit ist seit einer Minute abgelaufen. Del. Dr. Kahn: Noch eine Minute! Im Weggehen sage ich Ihnen noch folgendes: Man sagt, dass wir unsere Arbeitskräfte zerstreuen werden, weil wir dort nichts zu arbeiten haben. Erstens steht noch gar nicht fest, ob wir dort zu tun haben. Zweitens, wenn es der Fall ist, dass wir dort erst politisch tätig sein müssen, so werden wir das dort sein, während wir hier nicht politisch tätig sind, hier ist in dieser Richtung alles fertig. Das wird also der politischen Bemühung um Palästina keinen Abbruch tun. Es wird uns fort und fort vorgeworfen: Eine Tat! Zeigt etwas für das arme jüdische Volk! Und man sagt, dass wir Träumer seien. Zeigen wir, dass wir auch einer Tat fähig sind. Diese wird darin bestehen, dass Ostafrika uns Zion retten wird. (Jubelnder, langanhaltender Beifall und Händeklatschen.) Vizepräs. Dr. Nordau: Das Wort hat Herr Dr. B r u z k u s. (Grosse Unruhe.) Ich habe wohl die Macht und Kraft, die Rednerzeit zu beschränken, aber leider nicht, den Lärm im Saal zu verhindern. Del. Dr. Brutzkus (spricht russisch). Vizepräsident Dr. Nordau: Ihre Zeit ist abgelaufen. Del. Brutzkus: Nur eine Resolution. (Setzt seine Rede in russischer Sprache fort. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen. — Rufe: Uebersetzen!) Del. Dr. Levin (übersetzend): Herr Brutzkus weist darauf hin, dass den Gegnern des Ostafrika-Planes der Vorwurf mehrmals gemacht worden ist, dass sie an das Gefühl appellieren, statt dass sie von Vernunft reden. Nun findet er, dass die Verteidiger des Projektes genau denselben Fehler machen; sie sprechen von Tausenden und Abertausenden und Zehntausenden, die verhungern. Hunger ist doch gewiss eine Gefühlssache und nur auf dieser beruht ihre Verteidigung des ostafrikanischen Projektes. Hr. Brutzkus weist darauf hin, dass, von der praktischen Seite genommen, das Ostafrikaprojekt den Notstand der jüdischen Massen in Russland, Rumänien usw. gar nicht lindern kann, denn es kann sich hier nicht um eine grosse Kolonisation handeln, sondern es werden im besten Falle vielleicht Tausende emigrieren. Wir haben aber jedes Jahr 40—60 000 Juden, die emigrieren.