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Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in … · 1903-01-01 · 6 (1903) Basel, 23. bis 28. August 1903 · p. Seite 196

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Journal
Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
Volume
6 (1903) Basel, 23. bis 28. August 1903
Date
1903-01-01
Page
Seite 196 (sequence 197)
Language
German, English, Hebrew
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IRI
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— 196 — Judenstaat-Idee, von der er abgewichen war, um ganz ein Zionist zu sein. Mr. Bentwich ist auch ganz entschieden gegen die von Ihrem ersten Vizepräsidenten erwähnte Idee eines Nachtasyls. Wohltätigkeit ist gewiss eine sehr schöne Sache, aber Wohltätigkeit ist nicht unsere Funktion. Wenn wir zugleich politisch und wohltätig sein wollen, wäre zu fürchten, dass wir weder wohltätig noch politisch sein würden. (Beifall.) Infolgedessen empfehle ich Ihnen, sagt Mr. Bentwich, den Antrag auf Einsetzung eines Ausschusses abzulehnen, jedoch der britischen Regierung für ihr freundliches Entgegenkommen den wärmsten Dank des Kongresses auszusprechen. (Lebhafter Beifall.) Del. Dr. Leopold Kahn (mit Beifall begrüsst): Meine sehr verehrten Anwesenden! Hohe Kongressdelegierte! Ich habe vielleicht nie im Leben die Tribüne mit solcher Angst betreten, wie heute, und gerade dieses Moment der Angst, welches sich in mir so gewaltig geltend macht, gibt mir mehr Mut, nämlich den Mut der Pflicht, zu Ihnen zu sprechen. Ich möchte Sie in allererster Linie bitten, dass man, wenn man zum Gegenstande der Tagesordnung spricht, nicht sofort den Prüfstein anlegt: Zionismus oder Antizionismus. Denn ich fürchte, dass man sich schon dieser Art der Beurteilung zugewendet hat. Alle, die wir hier im Saale sind, sind anerkannte und verpflichtete nicht nur, sondern auch Zionisten aus dem eigenen Herzen und dem eigenen Gefühle heraus. (Lebhafter Beifall.) Aber ich warne Sie davor, dass Sie eine grosse Sache von einem kleinen Standpunkte aus beurteilen. Verfallen wir nicht in den Fehler jener geeichten und offiziellen jüdischen Vertreter in den einzelnen Kultusgemeinden und Landes- Massafonden, dass wir sagen: Was gehen uns die Juden in Italien an, wenn wir in Horodenka wohnen? Wenn Sie diesen Kleinlichen Standpunkt einnehmen, dann sagen Sie sich vom Zionismus los. Wir sind immer mit dem Gedanken und der Verpflichtung und der Verantwortung aufgetreten, dass wir das ganze jüdische Volk vertreten, selbst diejenigen, welche nicht Zionisten sind. (Lebhafter Beifall.) Und in dem Momente, wo Sie sagen: ich kann nur das prüfen und beurteilen, was ich mir aus kleinem Kreise zusammengezimmert habe, in demselben Momente abdizieren Sie als eine Volksbewegung und stellen Sie sich auf einen Parteistandpunkt. (Bravo!) Es darf das aber nicht sein, weil wir uns selbst unser Gebiet nicht so eng gezimmert haben, weil das ganze Volk an uns jetzt schon herantritt, und es in allen Notlagen und schwierigen Stellungen an uns sich wendet, uns befragt und von uns Hilfe erwartet. Die Befürchtungen, die zum Ausdruck gekommen sind, sind zweifacher Natur. In erster Linie die Frage nach dem Rechte. Ich gebe es Ihnen zu, und versichere es Ihnen heilig, dass dieselbe Frage nach der Berechtigung bei jedem von uns ebenfalls aufgetreten ist. Wir sind gewählt als Zionisten. Wir haben zu beraten, um nur zionistische Angelegenheiten zu fördern. Mit welchem Rechte wollen wir auch eine andere Frage aufs Tapet bringen? Wir haben kein Recht, irgend ein Projekt anzunehmen. Aber haben wir ein Recht, es abzulehnen? (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Das jüdische Volk hat uns dazu nicht ermächtigt. Jawohl! Aber hat das jüdische Volk etwas davon gewusst? Hat es etwas wissen Können? Haben wir es schon befragt? Nein! Nun kommt man wohl mit einem grossen Weisheitsschlusse und sagt: Ja, ja, das jüdische Volk muss so behandelt werden wie ein Kranker, und wenn der Kranke vielleicht zu einer Unzeit Brot essen oder Wein trinken will, weil er hierzu ein ungeheures Bedürfnis in sich zu fühlen glaubt, so werden wir gleichwohl als Aerzte sagen müssen: Du darfst nicht Brot essen und Wein trinken, denn es kommt das Fieber hernach, du setzest dich -einer Gefahr aus. Richtig! Das ist wahr! Aber wir haben die Juden noch nicht gefragt und auch noch nicht gehört, ob der Kranke sagt: Ich will das essen und will das trinken!

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