Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 6 (1903) Basel, 23. bis 28. August 1903
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 185 (sequence 186)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 185 — Wie das zu geschehen hat, darüber haben wir uns heute erstmalig zu verständigen. Ich bin berufen, Ihnen das Ergebnis langjähriger Studien und Gedankenarbeit als Grundlage einer solchen Verständigung vorzulegen, nicht etwa als der Weisheit letzten Schluss. Des einen aber bin ich sicher, dass jeder, der zu dieser Grund- und Lebensfrage das Wort ergreifen wird, es mit dem Bewusstsein tun wird, eine furchtbare "weltgeschichtliche Verantwortung zu tragen. (Beifall.) * Das Folgende halte ich für die Hauptgesiehtepunkte, denen die zionistische Kolonisation zuzustreben hat: I. Sie hat durchaus auf Selbsthilfe zu beruhen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Selbsthilfe, wie sie die Theoretiker des deutschen Genossenschaftswesens verstehen, d. h. dass im regelmässigen Verlauf des Wirtschaftslebens jeder arbeitsfähige Erwachsene sich in allen materiellen Dingen nur auf sich selbst zu verlassen hat. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Dieses Prinzip verträgt aber, ohne verletzt zu werden, viele Mil derungen oder wird vielmehr erst dadurch vollkommen. Es ist damit vereinbart erstens dasjenige, was der grosse und kluge Menschenfreund Viktor A. Huber die „aristokratische Hilfe" nannte: das heisst die irnnmterielle IJntersützung der Wirtschaft durch freien Hat der Gebildeten, der Sachverständigen; und zweitens wird das Prinzip der Selbsthilfe geradezu erst vervollkommnet durch eine Kreditgewährung, die der Breite der neugeschaffenen Kreditbasis voll entspricht. So ist also grundsätzlich die allgemeine Aufgabe des Zionismus, den x4ermsten der Armen unverzinsliche Darlehen oder gar nach Massgabe der verfügbaren Mittel, geschenkweise Subventionen für die Uebersiedlung selbst von dem bisherigen Stiefvaterlande in das neue Vaterland zu gewähren; dann aber hat auch er sie auf eigene Füsse zu stellen und auf die eigenen Kräfte der Seele und des Leibes zu verweisen. Aber er soll sie nicht ins Leben hinein schicken und dann schuldig werden lassen, sondern es sollen erstens seine besten Männer den Tastenden der ersten Anfänge mit ihrem Rat und ihrem sachverständigen Urteil jederzeit zur Hand sein; und es sollen zweitens die Geldmittel der zionistischen Bewegung den neu geschaffenen Kolonien gegen massige Zinsen und unter weitherzigsten Bedingungen der Tilgung in dem Umfange zur Verfügung stehen, wie es die durch die Kolonisation selbst neu geschaffene Kreditbasis erlaubt. Almosen aber sind streng zu verpönen (Lebhafter Beifall und Händeklatschen); man löst mit Almosen keine sozialen Probleme, sie brechen das Rückgrat aller wirtschaftlichen Kraft der Selbstverantwortung, sie verderben die beste Saat. Mag man bei elementaren Unglücksfällen, wie Missernten und Feuersbrünsten etc. mit den Mitteln der Allgemeinheit helfend einspringen, eine Art von gegenseitiger Selbstversicherung, die in allen Kulturstaaten ohne Schaden geübt wird: mag man, bis die Kraft der einzelnen Kolonien ge-