Mannheim
Compact Memory

Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in … · 1903-01-01 · 6 (1903) Basel, 23. bis 28. August 1903 · p. Seite 168

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
Volume
6 (1903) Basel, 23. bis 28. August 1903
Date
1903-01-01
Page
Seite 168 (sequence 169)
Language
German, English, Hebrew
Belongs to
journal volume
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3476254-3476266--2012-3478150
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 1G8 — wir gesagt: Wir können nicht so schnell und ohneweiteres über diese Frage entscheiden, sondern es ist notwendig, dass diese Frage eingehend von einer Kommission beraten werde. Diese Kommission ist nichts anderes als unser Abgesandter. Sie wird uns vertreten, wie wir das ganze jüdische Volk vertreten. Unser Weg ist ein schwerer Weg, unser Weg ist ein weiter Weg. Ich möchte ihn mit einer Bergbahn vergleichen — der Vergleich liegt ja hier in der Schweiz so nahe — die Bergbahn geht in die Höhe, steil aufwärts, sie muss Umwege machen, sie hat scharfe Krümmungen zu nehmen und muss oft durch finstere Tunnels fahren. Wir wissen es aber, die Bahn geht doch aufwärts und drängt zum Lichte. Und auch wir sollen, wenn wir heute durch dunkle Tunnels und Erdteile fahren, nicht vergessen, dass wir uns dem Ziele, dem Gipfel nähern, jenem Gipfel, auf welchem unsere Sonne Zions unvergleichlich schön aufgehen wird. (Lebh. Beifall.) Del. Dr. Jacobsohn. Meine Damen und Herren! Es wurden ganz verschiedene Gründe - für den ostafrikanischen Plan angeführt. Man hat hier die Frage vom Standpunkte der Philantropie, vom Standpunkte, des zionistischen Gedankens und von den verschiedenen politischen Standpunkten aus betrachtet. Gestatten Sie mir, etwas näher auf diese Ausführungen einzugehen. Bevor ich dies aber tue, muss ich etwas russisch sprechen. (Spricht russisch. — Deutsch fortsetzend:) Der Herr hat nämlich gesagt, wir gehen vo-n hier vielleicht um ein paar Ideale ärmer weg. Meine Herren, ich fürchte, wir gehen von hier um e i n Ideal ärmer weg, nämlich um unser zionistisches Ideal. Jetzt will ich ganz ruhig wieder weiter sprechen. (Setzt russisch fort. — Sodann Deutsch:) Man sagt uns hier, dass soundsoviele Millionen Juden in Russland vor Hunger sterben, dass soundsoviele Hunderttausende in Galizien Hungers sterben, und deshalb haben wir kein Recht, auf dieses Angebot zu verzichten, das uns seitens Englands gemacht wird. Das ist nicht alles so ernst zu nehmen. Es gibt wohl Millionen Juden, die in Russland vor Hunger sterben, aber mit Ostafrika werden wir ihnen gewiss nicht helfen, und zwar aus folgenden Gründen: Der jetzige Zustand ist ein akuter, die Abhilfe, die wir für die schreckliche Not in Russland bringen würden, rnüsste also eine momentane sein. Treten wir aber der Sache näher, so müssen Sie zugeDen, dass wir, bevor wir eine ganz kleine Kolonisation in Afrika einleiten können, erst das Land genau und ernst durchforschen müssen — es ist ein grosses Land — und das nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. 1 bis 2 Jahre würden also mindestens vergehen und es ist daher -von einer momentanen Abhilfe absolut nicht die Rede. Es ist aber auch jedem einleuchtend, dass wir den grossen Strom der Emigration nach Amerika und anderen Kulturländern nicht werden durch die ostafrikanische Emigration vom Wege ablenken können. Um nach Amerika gehen zu können, braucht man nicht viel Geld. Jeder Handwerker, jeder Händler usw. kann dahin gehen. Um aber nach einem neuen Lande, wo man alles von Urbeginn an anfangen muss, wo für die primitivsten Einrichtungen viel Geld aufgewendet werden muss, zu gehen, dazu braucht man eine Unmasse von Geld und überdies kann ja das Volk nicht in grossen Massen wandern. Es werden vielleicht 10 000, 20 000, 30 000 Leute gehen, aber das ist gar nichts im Verhältnisse zu der Masse des Volkes und es ist also auch von diesem Standpunkte aus nicht geholfen. Man wirft uns Leuten, die wir für Palästina spreciien, vor, dass wir mit Sentimenten vor Sie hintreten. M'eine Damen und Herren, die Redner, welche für Ostafrika eingetreten sind, und die uns von armen Müttern mit verdorrten Brüsten erzählt haben, haben doch gewiss auch mit Sentimenten gearbeitet. Das grosse Unglück, die grosse Not, die im jüdischen Volke herrscht, ist auch uns bewusst. Aber, wir sehen in der ostafrikanischen Frage keine Abhilfe. Es ist traurig für mich, mit diesen Argu-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.