Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 6 (1903) Basel, 23. bis 28. August 1903
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 165 (sequence 166)
- Language
- German, English, Hebrew
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— *1G5 — hört es etwa einen Augenblick auf, sein Netz immer breiter und breiter über die Welt auszudehnen? Darum sagen wir: Zion gehört uns, damit leben wir, stehen wir, sterben wir. Aber das Unglück unserer Brüder fordert sein Recht! (Lebh. Beifall und Händeklatschen.' — Widerspruch.) Del. Dr. Kohan-Bernstcin (mit stürmischem Beifalle begrüsst): Nachdem der vorige Redner so schön für das Projekt gesprochen hat, möchte ich auch einige Worte gegen das Projekt sprechen. 7eh will dieses Projekt vom rein politischen Gesichtspunkte und nicht vom sentimentalpolitischen Gesichtspunkte aus betrachten, das verspreche ich den Herren, die uns bitten, dass wir keine Sentimentenpolitik treiben sollen. Es wird uns die Frage vorgelegt, ob wir ein Pünktchen in unser uegenwartsprogramm einfügen sollen. Wenn es unser Statut und unsere allgemeinen Prinzipien betreffen würde, ich bin sicher, da brauche ich unsern Führer gar nicht zu verteidigen — er würde gesetzmässig anders vorgehen und würde eine Programmänderung vorschlagen. Ich bin aber sicher, dass das nicht als eine Aenderung des Programmes, sondern nur als Pünktchen des Gegenwartsprogrammes zu betrachten ist. Es wurde auch von den Rednern, die für das Projekt sprachen, ganz deutlich gesagt, dass nicht die ernste Absicht bestehen kann, unser Volk nach Afrika zu führen. Herr Dr. Friedemann, welcher gegen die Sentimentpolitik ist, hat uns gebeten, nur eine Kommission zu wählen. Herr Dr. Pasmanik, der für das Projekt war, hat uns auch gebeten, dass wir nicht entscheiden, sondern eine Kommission wählen sollen. Politische Gründe sind es, die es notwendig machen, zu diesem Projekte Stellung zu nehmen, wie aus den Worten des Herrn Dr. Friedemann hervorgeht, juridische Gründe, wie aus den Worten des Herrn Dr. P a s in a n i k hervorgeht. Vom juridischen_ Standpunkte sind wir überhaupt, glaube ich, nicht berechtigt, auf diesem Kongresse über eine so wichtige Frage zu sprechen. Denn wenn wir Zionisten selbst die klügsten Juden der Welt \vü;en, haben wir doch kein Recht, ein so grosses Sanhedryn zu schaffen und die Schicksale des Volkes nach unserer klugen, nicht sentimentalen Politik zu leiten. Wenn man vom Volkswillen spricht, muss man zuerst das Volk iragen. Nun wird gewiss gesagt: Fragen Sie das Volk in Russland! Was wird es antworten? Ich bin auch ein Stückchen aus unserem Volke und als ich das erstemal von diesem Projekte gehört habe, habe ich das gefühlt, was jeder Durstige und Hungrige fühlt. Es war ein Schrei: Geben Sie mir Wasser und Brot! Aber wir sind hier nicht nur als Vorsteher des durstigen und kranken Judentums, sondern wir sind auch als gute Aerzte da, die den Organismus gut studieren sollen und nach den Bedürfnissen des Organismus das Rezept verschreiben sollen. Das ist die reale und nicht die Augenblicks- oder Sentimentpolitik. Ich pflege immer, wenn ich für unsere Ideale agitiere, dem Volke folgendes zu sagen: Wer hat das Recht, zu sagen, was das jüdische Volk will? Vielleicht diese unglücklichen, zu Parias gemachten Individuen unseres Volkes? Ich behaupte: nein! Vielleicht die jüdische Intelligenz? Ich sage: nein! Diese muss sich noch viele Jahre lang auf die Brust klopfen und sagen: Chotossi! Warum haben wir die Ideale unseres jüdischen Volkes nicht immer gut studiert und gekannt? Das kranke, hungrige jüdische Volk auch nicht! Man fragt nicht einen Kranken, was für ein Rezept man ihm verschreiben soll. Er ruft: Gib mir Wasser und Brot! 'Aber manchmal ist eine Hungerkur eine bessere Kur. Da soll man den Modus befolgen, den die besten Mediziner der Welt befolgen. In England und Amerika ist es Sitte, dass die Hausärzte ein Journal führen für alle Mitglieder der Familie, in das sie eintragen, wann die Mitglieder der Familie sich wohl fühlten, wann schlecht. Wir haben ein solches Buch, die jüdische Geschichte. Wer in dieses medizinische Buch