Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 6 (1903) Basel, 23. bis 28. August 1903
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 160 (sequence 161)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 1(50 — Ich sage deshalb, es sollen unsere gesamten Kräfte konzentriert und laut verkündet werden, dass wir Zionisten uns von unserem ursprünglichen Programme unter keiner Bedingung entfernen, Es gibt gewisse Kolonisationsprojekte, aber darüber werden wir sprechen, nicht wenn wir das Programm besprechen, sondern wenn das Kolonisationsprojekt zur Sprache kommen soll. Del. Dr. Katzenelsohn: Geehrte Kongressmitglieder! Ich habe mir hier das Wort erbeten, nicht um in dieser wichtigsten Frage unserer Kongresse, ja ich möchte sagen in der wichtigsten Frage, die vielleicht das Judentum im Golus beschäftigt hat, mich zu äussern, ich habe das Wort genommen, um meinen Standpunkt auszusprechen, denn wir sind absolut nicht in der Lage, in so kurzer Zeit uns eine Meinung zu bilden. Meine verehrten Freunde! Der einzige Standpunkt, den wir einzunehmen haben, ist der, dass wir in einer Beziehung von unserem verehrten Präsidenten, Herrn Dr. Ff e r z 1, so manches zu lernen haben. In diesem Momente haben wir von seiner Rede ein Wort herauszunehmen, wo er mit Bezug auf seine Anwesenheit in Petersburg sagte, dass er nicht nur als Parteimann, sondern auch als Jude dort war. In dieser Frage, meine Herren, müssen wir nicht nur als Parteimänner, sondern auch als Juden urteilen. Es ist eine Frage, die das ganze Judentum betrifft. Es ist hier davon gesprochen worden, dass eine Kommission eingesetzt und überhaupt diese Frage geprüft werde, ohne die Schekelzahler vorher gefragt zu haben. Dies wäre ein Verrat an den Schekelzahlern. Die Pflicht unserer Delegierten ist jetzt, die Wähler zu fragen und inzwischen die Frage zu untersuchen, zu prüfen und zu überlegen. Wenn ich hier etwas Neues sagen kann, so ist es lediglich, weil ich in Libau wohne, einer Stadt, wo der Hauptsitz der Emigration ist. Ich will nicht im Kongress eine traurige Stimmung hervorrufen, um die Lage dieser Unglücklichen zu schildern. Ich will nicht mit solchen Trümpfen Beweise führen, das wäre zu traurig, ich will nur ganz kurz einige Sachen hervorheben. Von Zeit zu Zeit liest man in der „Libauer Zeitung", dass mit dem Dampfer soundso 200 Juden und 340 Pferde nach London abgegangen sind. Dies steht in einem Satze. Es ist nicht einmal eine Trennung zwischen beiden. Ich kann dies der Zeitung nicht übel nehmen. Ich muss nur diese traurige Tatsache hervorheben, damit man daraus ersehe, wie diese Leute behandelt werden. Vor drei Jahren sind in Libau m einem Dampfer sechs Personen, Juden, aus Mangel an Luit erstickt. (Bewegung.) Dies ist die Lage dieser Leute, die, wie Dr. N or d au sich ausgedrückt hat, nach einem Nachtasyl suchen. Wer diese Leute nicht gesehen hat, wie die herumirrenden Schafe, ziel- und planlos, ohne zu wissen, was die Zukunft ihnen bringt, ohne zu wissen, was sie weiter finden werden, der hat nichts Trauriges im Leben gesehen. Ein Teil davon kommt überhaupt nicht ans Ziel, denn sie werden zurückgeschickt, und von dem Teil, der hineinkommt, heisst es, dass manche Juden ihn willkommen heissen, manche nicht. Ob die Nichtjuden ihn willkommen heissen, das will ich nicht beantworten. Sie werden wahrscheinlich fragen; Wie gross ist die Zahl der Leute, die sich nach einem Nachtasyl umsehen? Ich habe genaue Daten gesammelt. Diese Zahl variiert zwischen ca. 40 000 vor zwei Jahren und über 100 000 in der ersten Hälfte dieses Jahres. Die Zahl dieser Leute wächst mit jedem Tage in horrender Weise. Was Libau betrifft, so will ich einige Daten geben. Im Jahre 1899 sind durch Libau passiert 2896 Juden. Im Jahre 1903 bloss in der ersten Hälfte bereits 5767. Das ist ein Wachsen von 400 Prozent. Wenn wir jetzt bereits 100 000 Leute haben, die hinausgehen, ohne zu wissen, wohin, wenn wir die stete Steigerung sehen, müssen wir fragen: was soll aus diesen Leuten in ökonomischer und nationaler Beziehung werden? Die grösste Tragik des Judentums ist ausgedrückt in den Worten: