Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 6 (1903) Basel, 23. bis 28. August 1903
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 132 (sequence 133)
- Language
- German, English, Hebrew
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jüdischer Kulturarbeit (Lebhafter Beifall und Händeklatschen), wird der Kongress wohl gestatten, es auszusprechen, dass, was den geistigkulturellen Einfluss auf unsere Easse betrifft, eine jahrhundertelange Kulturarbeit einem Jahrzehnt agrikultureller Arbeit auf eigenem Boden nicht gleichkommt. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Wenn ich es sorgfältig vermieden habe, die Schuld an all unserem materiellen Elend dem ■Mangel eines eigenen Heimatlandes zuzuschreiben, so nehme ich weniger Anstand, den grössten Teil unseres sittlich-geistigen Uebelstandes unserer unglückseligen politischen Situation zuzuschreiben. Die Institutionen, die den erwähnten Uebelständen künstlich beizukommen sich bestreben, sind ein armseliger Ersatz für den natürlichen Einfluss eines Heimatlandes mit spezifisch jüdischer Färbung und nationaler Atmosphäre. Beim letzten Kongress habe ich den Kamen Jochanan ben Sakkai in einer Art erwähnt, die seinen Bewunderern missfiel. Kein noch so feststehender Ruhm darf der nachträglichen Kritik entzogen werden. Man kann sehr wohl zugeben, dass Ben Sakkai bei der Zerstörung des jüdischen Staates das Judentum gerettet habe; hätte er jedoch die achtzehnhundertjährige Tragödie voraussehen können, deren letzten Akt nicht einmal Kischenew bilden dürfte, hätte er das gigantische Possenspiel des Marranenchristentums und des Pseudomohammedanismus vorausahnen können — er wäre vielleicht lieber mit den Patrioten in Jerusalem gefallen, statt sich, in seinem Sarge lebendig in das römische Lager hinüber schaffen zu lassen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Dieser Sarg war ein unheilschwangeres Symbol des lebendigen Todes, der fortan die Zukunft seines Volkes sein sollte. (Beifall.) Es war eben das Symbol aller Verstellungen und Maskeraden ■— deren selbst ein Maimonides nicht entraten konnte —, in die sie fortan statt der freien Betätigung ihrer naionalen Persönlichkeit treten sollten, wie denn auch das faule Fleisch, wodurch Ben Sakkai den jüdischen Wachen den Leichengeruch vortäuschte, sich als das Vorzeichen jenes schlechten Geruches bewährt hat, in dem sein unglückseliges Volk fortan in der Fremde stehen sollte. (Lebhafter Beifall.) Wohl hat Ben Sakkai das Judentum gerettet, allein um welchen Preis! Und auch seine Vergeistigung der jüdischen Religion wurde keine ganze Arbeit. Das Judentum wurde durch ihn nicht, wie durch die Jünger des Christentums, vom Boden losgelöst. Obgleich das Judentum in den fünfzig Jahren nach der Zerstörung des jüdischen Staates im Osten, in Kleinasien und besonders in Rom eine Unmenge von Anhängern gewann, so hat doch die Religion diese Gelegenheit, ihre nationale Basis einzubüssen, verscherzt. Sei es aus politischer Klugheit, sei es aus innerer Heberzeugung, genug, Ben Sakkai liess die uralten territorialen Begriffe bestehen, nur dass sie kulturelle Formen annehmen. So dankten die steinernen Ghetti in pilpulistisch frommen Dichtungen dem lieben Gott für die Einheimsung