Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 6 (1903) Basel, 23. bis 28. August 1903
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 77)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 76 — Del. Dr. Nossig: Ich repräsentiere verschiedene Wahlgruppen. Präs. Dr. Herzl: Welche? Del Dr. Ncssig: London. Del. Cowen: Das ist nicht wahr! Del. Dr. Nossig. In Bezug auf London ist mir die Sache selbst nicht klar. Es wurde mir zuletzt mitgeteilt, dass die Wahl legitimiert wurde. (Zwischenrufe.) Ueberdies bin ich gewählt aus Przemysl in Galizien, Ottinia in Galizien .... Präs. Dr. Herzl: Das genügt. Nehmen Sie also das Wort. Del. Dr. Nossig: Ferner aus Stanislau. Präs. Dr. Herz!: Ich bitte das Wort zu nehmen. Del. Dr. Nossig; Geehrte Versammlung! Ich gedenke hier nur einige Bemerkungen über die Eröffnungsrede des Herrn Präsidenten zu machen. Ursprünglich war es meine Absicht, hier eine zusammenfassende Kritik der jetzigen zionistischen Bewegung vor dem Kongresse auszusprechen. Es ist mir aber von meinen Freunden, welche die Ehre haben, diesen Kongress länger und genauer zu kennen, als ich, mitgeteilt worden, dass hier nicht die Stimmung herrscht, welche kritische Ansichten begünstigt (Widerspruch), dass der Kongress ein kritisches Urteil nicht gerne vernehme (erneuerter Widerspruch), und dass man wahrscheinlich eine Kritik in der Art, wie ich sie vorzunehmen gedachte, hier gar nicht ®zu Ende kommen lassen würde. (Mitglied des A.-C. O. Marmor ek : C'est le ton, qui fait la musique!) Ich habe mich daher, um es hier auf dem Kongresse nicht zu Sturmszenen kommen zu lassen, weil ich der Ansicht bin, dass der Kongress In möglichst ruhiger Form die Debatte führen soll, entschlossen, dem Rate meiner Freunde zu folgen und meine prinzipiellen Auseinandersetzungen in anderer Form, nämlich in der eines Vortrages in einem anderen Saale, abzuhalten. Ich habe mich bei dieser Gelegenheit überzeugt, dass der Rat meiner Freunde ein richtiger war, denn man hat mich auch an diesem neutralen Orte mit meinen Ausführungen das erstemal nicht zu Ende kommen lassen. (Schallende Heiterkeit.) Dies nur zur Erklärung, warum ich hier nur einige Bemerkungen zur Eröffnungsrede des Herrn Präsidenten auszusprechen gedenke. Ich beginne mit einer persönlichen Bemerkung. Herr Dr. Werner hat mir gestern, mir und Herrn T r i e t s c h , den Vorwurf gemacht, dass wir eine gesunde Opposition unmöglich mächen, weil wir das persönliche Element hereinzerren. (Lebhafte Zwischenrufe.) Pardon, ich habe es von Dr. W e i\n e r gehört. Herr Dr. Werner muss ja hier sein. (Del. Dr. Friedemanii : Das habe ich gesagt!) Das ist ja einerlei, ich verteidige mich doch nicht gegen die Person, sondern gegen die Bemerkung. Und es ist egal, von wem sie stammt. Da muss ich zuförderst bemerken, dass nach meiner Ansicht in politischen Diskussionen die Kritik der Führer der Politik absolut notwendig ist. Politik ist ja nicht ein Abstractum, sie ist eine Sache, die von Personen geführt wird, und es gibt vielleicht keine Sache auf der Welt, welche so sehr von den persönlichen Eigenschaften der Männer, die sie vertreten, abhängt, als gerade die Politik. Darum ist es auch eine in allen Parlamenten der Welt angenommene Sitte, dass die Vertreter der Politik sich eine Kritik gefallen lassen müssen. Es gibt keinen noch so grossen Staatsmann der Welt, der sich nicht oft eine scharfe Kritik gefallen lassen muss. Selbst Bismarck, selbst Disraeli, selbst Chamberlair^mussten und müssen sich Kritiken, und oft sehr scharfe Kritiken gefallen lassen. (Rufe: Sachliche!) Sachliche Kritiken, selbstverständlich, aber sachliche Kritiken in Bezug auf die Person, das will heissen, dass man die persönliche Ehrenhaftigkeit der betreffenden Herren nicht antastet, aber über ihre Politik, über ihre Eigenschaften als Politiker sich mit aller Freiheit ausspricht. Ich bin fest überzeugt, dass der Herr Vorsitzende und die anderen Führer der jetzigen zionistischen Bewegung in dieser Beziehung