Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 6 (1903) Basel, 23. bis 28. August 1903
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 70)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 69 — Geehrte Versammlung! Jedesmal, wenn zwischen den einzelnen Kongressen eine längere Frist verstreicht, bemächtigt sieh unserer Gesinnungsgenossen eine sichtbare Unruhe. In den Reihen unserer Streiter tritt ein eigentümliches Schwanken ein. In immer kürzeren Abständen, immer hastiger und erregter hören wir die ängstliche Frage wiederholen: Was geschieht? Woran sind wir? Was sollen wir der Menge antworten, wenn sie in ihrer Ungeduld nach praktischen Ergebnissen fragt? Und wenn dann noch eines jener unglücklichen Ereignisse eintritt, wie sie in der letzten Zeit leider immer häufiger geworden sind, wenn dem jüdischen Volke eine Sehmach zugefügt wird, die jeder einzelne von uns an. seiner Stirne als Brandmal empfindet, so lange sie nicht abgewaschen ist, dann geht ein Beben vom Scheitel bis zur Sohle durch das jüdische Volk und die auch sonst leider bei uns schon so verbreitete Nervosität steigert sich in einer Weise, dass sie rinzusaminenhängencle Bewegungen auslöst, die nur als Panikbewegungen bezeichnet werden können. Der Ruf geht dann durch die Lande: ,,Es muss sofort etwas geschehen, auch wenn es etwas Unnützes, auch wenn es etwas Schädliches ist; aber sofort muss etwas geschehen/* Das ist eine sehr gefährliche Neigung; das ist ein sehr bedenklicher Scelenzustand; wir müssen ihm entgegentreten und ihn bekämpfen. Er ist erklärlich. Er erklärt sich daraus, dass bisher noch niemals ein System, jüdischer Volkspolitik aufgestellt worden ist, das jedem einzelnen denkenden Juden vollkommen klar vor Augen steht. (Beifall.) Ich habe vorhin gesagt, dass dieser Ivongross der bevollmächtigte, rechtmässige Vertreter des jüdischen Volkes ist. Ihm liegt es ob, jüdische Volkspolitik zu machen. Dieser Ivongrcss wird in den grossen Zügen die jüdische Volkspolitik für jetzt und eine geraume Zeit festzulegen und zu verkünden haben, so dass auch in der langen, manchmal schrecklichen, kongresslosen Zeit jeder einzelne Jude auf dem Posten, auf dem er steht, weiss, was er zu tun hat, woran er zu arbeiten hat und sich von Zufällen, so schmerzlich sie auch sein mögen, nicht verwirren, nicht aus Reih und Glied bringen lässt. (Stürmischer Beifall.) Denn seilen Sie, eine jüdische Volkspolitik hat es bisher niemals gegeben. Mit den krampfhaften, unzusammenhängenden, automatischen Betlexbewegungen der Abwehr, die einzelne Juden oder kleine Teile des jüdischen Volkskörpers der Gefahr und dem Angriff entgegensetzen können, ist dem jüdischen Volke in seiner Gesamtheit nicht geholfen. Ks bedarf wohlkoordiniertcr Verteidigungstaten des ganzen -jüdischen Volksorganismus. Von. unserer Verteidigung war bisher jeder strategische Gedanke, jeder Gesamtplan, jede einheitliche Führung abwesend. Sie bestand lediglich in einer Keihe Einzel-Scharmützel der St. Georgs- Kavallerie. Sie wissen ohne Zweifel, weiche Armee-Abteilung man in England mit diesem Ausdrucke bezeichnet. Es ist die tapfere Truppe der goldenen Sovereigns, deren Prägung das Bild des heil. Georg zeigt. Goldfüchse heraus! Das war die jüdische Volkspolitik.