Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 5 (1901) Basel, 26. bis 30. Dezember 1901
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 438 (sequence 438)
- Language
- German, English, Hebrew
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438 sehen Forderungen erwachsen und entstehen. Sie macht die Religion frei von Aberglauben, erhebt sie zu einem rein geistigen Factor und einem Instrumente für die abstracteste Auffassung der Natur Vorgänge. Sie erhöht nur die Pfleger und Lehrer der Religion über die anderen Volksgenossen. Daher gibt es im. Judenthum eigentlich keine Aristokraten und keiu Volk, keine Plebs. Unterschiede bestanden bei ihm nur in der Beziehung zur Religion, im Verhältnis, wie sich der einzelne zur immanenten Wesenheit des Volkes, zur Religion, zur Gottesfurcht, zum Gottesglauben, zur Gotteslehre stellte. Erst die Relation zu anderen Völkern hat Standesunterschiede erzeugt, die auf Besitz, Beruf und auch auf profaner Bildung beruhen, In dieser Hinsicht kann man erst seit der AssimiiatLons-Periode von einem jüdischen „Volke" als von einem Volkstheile sprechen, der in Hinsicht auf sociale Stellung geringerwertig ist. Hier bildet das Unterscheidungsmerkmal das Ansehen in der Gesammtgemeinschaft, das durch Vermögen und Erkenntnis bedingt ist. — Erkenntnis ist nämlich das, was mit „Bildung" im gewöhnlichen Sinne umschrieben wird. Erkenntnis heisst Kennen der Sachen, Formen, Zeichen,. Verhältnisse und Lagen und ihrer Gründe. Nach dem Umfange dieser Objecte richtet sich der Umfang der Bildung, nach dem Inhalte des Kennens die Art der Bildung. Aber in wissenschaftlich-pädagogischem Sinne ist Bildung als Object des Bildens eine bestimmte Gestaltung des Geistes, die durch Lehren und Erziehen hervorgebracht wird. Dass diese Umformung möglich ist, dafür zeugen viele Thatsachen der Erfahrung. Ein Schüler des 17. Jahrhunderts, in dem die Jesuiten mit ihrer noch blühenden, weil nicht alten Kraft Einfluss hatten, zeigt ein anderes Gebilde als ein Schüler unserer Neuschule, in der das Vielerlei und der Begriff der formalen Bildung vorherrschen. Auch unsere, das heisst, die jüdischen Kinder erliegen diesem Einflüsse. Aber das» Ziel des Bildens kann keine Anhäufung von Wissen und keine Allgemeingeschicklichkeit sein, denn das Wissen und die Intelligenz stehen auch im Dienste des Schlechten: es muss die dauernde Constituierung einer solchen geistigen Gestalt sein, die unbedingt wertvoll ist, und das ist der religiöse "sittliche Charakter, denn Religiosität ist die höchste Form der Sittlichkeit. Darum heisst. Bilden auch Erziehen. So ist denn unsere erste Forderung, die sich auf die Kinder jedes Mannes erstreckt, die arm und reich, gross und klein, hoch und niedrig umfasst: Ziel jeder Bildung und Erziehung ist der sittlic h-r e 1 i g i ö s e G h a r a k t e i\ Insbesondere entspricht diese Forderung dem Juden, denn er hat in sich ein allgemeines sittliches Interesse, und die Wurzel für die geforderte Art von Charakter ist eben ein solches Interesse.