Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 5 (1901) Basel, 26. bis 30. Dezember 1901
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 178 (sequence 178)
- Language
- German, English, Hebrew
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178 Gutdünken treiben; das ist ihr gutes Recht, gegen das uns aufzulehnen nicht zukömmt. Aber, dass man allerwärts vergessen konnte, dass der jüdischen Bevölkerung mit ihrer durch eine grausame mittelalterliche Gesetzgebung und durch die elementare Gewalt des Judenhasses bedingten eigenartigen beruflichen Gliederung, wenn man ihr den gewohnten wirtschaftlichen Erwerb abgräbt, auch durch socialpolitische Fürsorge ein Ersatz sich vollziehen muss, das lässt Recht und Pflicht der Judenheit, sich ihr ökonomisches Schicksal selbst zu gestalten, aus den hausbackensten und banalsten Verstandesgründen erstehen: weil sich eben sonstniemand darum kümmert. Je nach dem culturellen Renommee, das die Staaten für sich in Anspruch nehmen, tritt diese universelle Erscheinung mehr oder minder schroff in Scene. Während die gesetzlichen Bestimmungen und privaten Anstrengungen zur Unterdrückung des Zwischen- und Hausierhandels etc. in manchen Ländern des Ostens sich zu einem ganzen Verdrängungssystem verdichteten, konnten wir zum Beispiel auch in meinem Heimatlande Baden, das in Bezug auf die Liberalität seiner Regierung und insbesondere auch auf die Stellung der Juden mit Recht als ein Musterländchen zu bezeichnen ist, ziffermässig die Verschlechterung der ökonomischen Situation der Juden durch gesetzliche Massnahmen^ das Hausierer-Wandergewerbe u. ähnl. betreffend, sowie durch bäuerliche Credit- und Consumvereine nachweisen. Hier treffen wir freilich auf einen erfreuenden Umstand: Die Bestrebungen, welche die jüdische Centraibehörde und -Vertretung zur ökonomischen Hebung der Juden eingeleitet hat, haben die ausdrückliche. Billigung und Protection der Regierung unseres edeldenkenden Grossherzogs gefunden, der auch hier wieder sein für die Geschicke seiner jüdischen Unterthanen stets offenes, menschenfreundliches Herz gezeigt hat. (Lebh. Beifall u. Händeklatschen.) Aber dass diese erfreuliche Erscheinung sich nur auf einem so kleinen Fleck der Erde abspielt, bestätigt als Ausnahme die unerfreuliche Regel: Gibt es einen erdrückenderen Beweis für die Berechtigung unserer ökonomischen Eigenpolitik als die Öde Verlassenheit, in der uns Regierungen und Völker bei ihrem socialreformatorischen Kreuzzuge, gegen wirtschaftliche Rück- und Missstände belassen? Im Westen konnte sich allerdings, wie wir gerade bei Erhebungen und Studien über unsere badische jüdische Landbevölkerung, an denen ich seit einigen Jahren betheiligt bin, nachweisen konnten, eine Art ökonomische Selbstreinigung, eine sociale und wirtschaftliche Umgestaltung innerhalb der jüdischen Bevölkerung anbahnen, dank einer genügenden Eigenkraft, dem Eingreifen verschiedener jüdischer Vereine, der gesetzlich gewährten Bewegungsfreiheit; für unsere östlichen