Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 5 (1901) Basel, 26. bis 30. Dezember 1901
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 166 (sequence 166)
- Language
- German, English, Hebrew
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166 die Forschungen auf das specifisch hebräische Lied, wie auch auf das deutsche einiger westlichen Länder ausdehnen müssen — aber auch sie bietet den werdenden Künstlern auf allen Gebieten des Schaffens reiche Motive, Documente unserer Seelengeschichte, von denen sie ausgehen und auf denen sie weiterbaueü können. So stand es also bis vor ganz wenigen Decennien. In diesen aber ist gleichzeitig mit der grossen national-jüdischen Bewegung und in stetem Zusammenhange mit ihr eine eigene mächtige Dichtung entstanden und hat sich so stetig entwickelt, dass wir sie nicht als eine zufällige Episode, sondern als etwas Nothwendiges, als einen lebenden Organismus ansehen müssen. (Lebhafter Beifall.) Diese Dichtung entfaltet sich in drei grossen Zweigen: In der hebräischen Moderne, in der Jargonpoesie und in der Dichtung in fremden Sprachen. In dieser Dreitheilung drückt sich die ganze Zerrissenheit des heutigen Judenthums aus; hinter dieser Verschiedenheit der Sprachen ist etwas wie eine Zerspaltung der Seele. Und doch liegt wieder ein. seltsamer Reichthum darin, namentlich in der Zweiheit von hebräischer und jüdischer Dichtung. Freilich ist es kein heimatlicher Reichthum, nicht der Eeichthum des friedlich Gesegneten, in Ruhe Geniessenden, sondern es ist ein Reichthum des Hazard, ein Reichthum der Wanderschaft, der Reichthum eines Königs in der Verbannung. Und in dieser Zweiheit äussert sich noch einmal der riesenhafte Dualismus, der in gigantischen Kämpfen, in schicksalsgleichem Walten durch unsere ganze Geschichte geht: der Dualismus des Geistes und des Lebensdranges. Die hebräische Dichtung ist im allgemeinen ebenso lebensfremd, ebenso idealistisch, ebenso unirdisch, wie die Jargondichtung lebensfroh, realistisch, irdisch ist. Doch erblicke ich gerade in der modernsten Phase beider Literaturen eine wertvolle und verheissungsvolle Annäherung. Jedenfalls dient die Zweiheit dem Aussprechen aller Nuancen; was die Seele des Gegenwartsmenschen im Hebräischen nicht auszudrücken vermag, dafür findet sie vollgiltige Worte im 'Volksidiom, und umgekehrt. Dagegen halte ich leider die jüdische Dichtung in nichtjüdischer Sprache für etwas Anormales, Tragisches, beinahe für eine Krankheit. Aber wie es Menschen, Thiere und Pflanzen gibt, die durch ihre Krankheit eine zaubervolle Schönheit erlangen, wie die Perle nicht anders als aus der Krankheit der Muschel geboren wrerden kann, so sehe ich so viel Glanz, so viel eigenthümliche Schönheit in dieser Dichtung, dass ich sie für eine den anderen Formen ebenbürtige Macht halte, dass ich ihrer Entwicklung mit freudiger Hoffnung entgegensehe.