Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 5 (1901) Basel, 26. bis 30. Dezember 1901
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 158 (sequence 158)
- Language
- German, English, Hebrew
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158 denken, mit dem Willen zur That an sie zu denken, ist uns vorbehalten geblieben. Zeigen wir uns der grossen Aufgabe würdig, die uns die Geschichte überträgt! lieber die jüdische Musik kann ich nur weniges sagen. Es ist mir nämlich nicht gegeben, mich mit ihr fachkundig zu beschäftigen, und ich muss mich darauf beschränken, sie zu lieben. Meine Liebe allein genügt mir aber nicht, um zu Ihnen eingehend über unsere Musik zu sprechen, da ich von der Sprache der Thatsaehen, die uns hier allein geziemt, nicht zur Sprache des Herzens übergehen will. Es ist Ihnen bekannt, dass die alte jüdische Musik zwei Erscheinungsformen hatte: die synagogale Melodie und das Volkslied* Es ist nun eigenthümlieh, zu beobachten, wie sich gerade in dem letzteren, in dem naiven kunstlosen Singen des Volkes die Elemente dessen, was wir jüdische Musik nennen, am stärksten geltend machen. Jene Tonfolgen und Accorde, die nur bei uns und bei keinem anderen Volke da sind, sind am reinsten im Volksliede zu finden; die specifisch jüdische Tonscala, über die in jüngster Zeit so viel geforscht und geschrieben wurde, kommt in ihr am deutlichsten zur Herrschaft. Unser Volk ist überhaupt, was oft übersehen wird, ein singendes und musicierendes Volk. Bei allen möglichen Erlebnissen und Beschäftigungen kommt uns ein summendes Liedchen auf die Li|)pen, das freilich, erstickt von der Noth des Tages, nicht lange währt. Bei allen jenen seltsamen Ausbrüchen des gewaltsam zurückgehaltenen Lebensdranges, die in der Geschichte unter dem Namen des Messianismus, in der neuen Zeit und der Gegenwart unter dem des Chassidisnius bekannt sind, klingt im Singen die wildeste Sehnsucht der Seelen aus. Es gibt Gegenden, wo, wie unser lieber Jizchok Leibisch Perez erzählt, an der Zahl der Geigen, die in einem jüdischen Hause hängen, die Zahl der männlichen Familienmitglieder zu erkennen ist. Der Klesmer. ist der eigentliche Held der modernen jüdischen Volksdichtung und das erste grosse, immer wiederkehrende Symbol unserer schluchzenden singenden Sehnsucht. So stehen im Mittelpunkte der zwei unsterblichen Eomane unseres Scholem Aleichem ein Geiger und ein Sänger. Und überall, in Haus und Schule, in der Synagoge und auf der Strasse, mischt sich ein Gesang, und sei er noch so eintönig, in den weihevollen oder arbeitsreichen Gang der Stunde. Die Musik ist im Golus die wesentliche Form der Kunst geworden: eine wirkliche Volkskunst. Damit seheint mir im Zusammenhang zu stehen, dass die Juden, als sie zu Anfang des 19. Jahrhunderts activ in die europäische Kunst-