Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 5 (1901) Basel, 26. bis 30. Dezember 1901
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 155)
- Language
- German, English, Hebrew
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155 wundern darf, sondern als einen wertvollen Marmorblock, der auf unsere Hand und auf unseren Meissel wartet. (Beifall.) Doch auch dieses Stadium des jüdischen Schaffens, die Thatsache der nationalen Selbstbesinnung unserer Künstler, bedeutet noch nicht, wenn wir den strengen Sinn des Wortes anwenden, das Vorhandensein einer jüdischen Kunst. Und will man unter jüdischer Kunst nicht wie ich etwas Werdendes, im Entstehen Begriffenes, Unfertiges verstehen, sondern etwas Bestehendes, in sich Geschlossenes, Vollendetes, dann müsste ich auf die Frage nach dem Vorhandensein einer nationalen Kunst bei uns mit einem Nein antworten. Was uns dazu fehlt, ist der einheitliche Zusammenhang der Künstler sowohl untereinander, als mit dem Volke selbst und dessen Idealen. Eine nationale Kunst braucht einen Erdboden, aus dem sie hervorwächst, und einen. Himmel, dem sie entgegenblüht. Wir Juden von heute haben keines von beiden. Wir sind die Sclaven vieler Erden, und zu verschiedenen Himmeln fliegen unsere Gedanken auf. Im tiefsten Seelengrunde aber haben wir keine Erde und keinen Himmel. Wir haben kein Volksland, das unsere Hoffnungen im Schosse trüge und dem Schreiten unserer Füsse Festigkeit verliehe, und wir haben keine Volkssonne, die unsere Saaten segnete und unseren Tag vergoldete. Eine nationale Kiinst braucht eine einheitliche Menschengemeinschaft, aus der . sie stammt und für die sie da ist. Wir aber haben nur Stücke einer Gemeinsamkeit, und leise erst regt es sich in den Theilen, zu einem Leibe zu werden. Nur mit der fortschreitenden Wiedergeburt kann die jüdische Kunst werden und wachsen. (Beifall.) Eine ganze und vollendete jüdische Kunst wird erst auf jüdischem Boden möglich sein, ebenso wie eine ganze und vollendete jüdische Cultur überhaupt. Aber das, was heute schon da ist, das sind Culturkeime, Kunstkeime; und die müssen hier in der Fremde mit zarter, liebender Hand gepflegt werden, biswir sie in die heimatliche Erde verpflanzen können, auf der sie sich erst voll entfalten werden. (Beifall.) Das, was wir jüdische Kunst nennen, ist kein Sein, sondern ein Werden, keine Erfüllung, sondern eine schöne Möglichkeit, ebenso wie der Zionismus heute ein Werden und eine schöne Möglichkeit ist. An beider Wachsthum kann jeder von uns, gleichviel wie er und die Art seiner Thätigkeit beschaffen ist, mitarbeiten. Jeder von uns kann in seiner Weise wie dem Zionismus so auch der jüdischen Kunst die Wege bahnen. Mancher wird nun wohl nicht einsehen, weshalb die Entwicklung unserer Kunst eine so grosse und wesentliche Sache für uns ist.