Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 5 (1901) Basel, 26. bis 30. Dezember 1901
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 154)
- Language
- German, English, Hebrew
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154 Schaffen bethätigt, als mit der socialen Erkenntnis dessen, was sein soll, die nationale Erkenntnis dessen, was ist, zu verschmelzen begonnen hatte, da war es doch wieder unsere "Vermählung mit der abendländischen Civilisation, die es uns ermöglichte, unseren uralten Drang nach nationalem Sich-Ausleben, der sich die Jahrhunderte hindurch entweder in dumpf-sehnsüchtiger Klage oder in wilden messianistisehen Ekstasen geäussert hatte, nun in der modernen Form zu entfalten, die wir Zionismus nennen. (Beifall.) Und ebenso war es Jene Vermählung, die unsere Sehnsucht nach Schönheit und Schaffen, die im Ghetto immer wieder todtgequält wurde, zu der jungen Macht heranreifen Hess, der wir, in ihrer unfertigen Gegenwart die gross* Zukunft verehrend, den Namen „jüdische Kunst" gegeben haben. Diese Macht bedeutet in unserem Volke die Wiedergeburt des Sehaffens. Die überströmende Bewegung unserer Seelen setzen wir nicht mehr in reine abgesonderte Intellectarbeit um, sondern in eine Thätigkeit des ganzen Organismus und durch diese Thätigkeit in Linien und Klänge, in lebendiges Sein, das wieder lebendiges Anschauen weckt. (Beifall.) Aber die Thatsache allein, dass wir wieder Künstler haben — und unter Künstlern verstehe ich nicht bloss Bildkünstler, sondern auch Dichter und Componisten — genügt noch nicht, um die Existenz einer jüdischen Kunst zu begründen. Doch sind wir in der jüngstea Zeit bereits ganz leise über diese erste Stufe, das blosse Vorhandensein ron Künstlern jüdischer Abstammung, hinweg- und emporgeschritten. Das kam so, dass dieser und jener von unseren Künstlern, von der Kraft seines Blutes getrieben, der Seele seines Volkes huldigte und sein« Werke von ihr beschenken Hess. Es ist in den Jahrtausenden unseres Volkslebens ein Schatz von feinen heimlichen Seelenwerten angesammelt worden, und aus diesem begannen unsere Künster zu schöpfen. Manche giengen noch weiter: sie verwandten das vom Volke in langsamer Arbeit Geschaffene, Motive und Stoffe. Und auf dem Wege zu einer nationalen Kunst wird dieses Schaffen und Verwerten sich immer feiner und tiefer ausgestalten. Stehen wir nämlich einerseits ganz in der modernen Civilisation, so können wir andererseits doch nichts von den Dingen aufgeben, worin sich die Seele unseres Volkes geäussert hat, als da sind: Die Sprache, die Sitten, die naive Volkskunst der Lieder und Melodien, der Leuchter und Gewänder. iSTur müssen wir alle diese Dinge nicht als etwas Heiliges mit scheuer Ehrfurcht betrachten, sondern als das Material, aus dem wir eine neue Schönheit aufzubauen haben: Nicht als Statuen, die man nur von ferne be-