Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 5 (1901) Basel, 26. bis 30. Dezember 1901
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 145 (sequence 145)
- Language
- German, English, Hebrew
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145 deckte es mit Kränzen wie eine Leiche — gross, edel war der Verstorbene, aber er w a r und er i s t nicht mehr. Wenn es eine Assyriologie gibt, so kann es wohl auch eine Wissenschaft des Judenthums geben, aber könnte z. B. die Assyriologie eine volksthiimliche Wissenschaft werden? Xun aber existiert kein assyrisches Volk, während ein jüdisches Volk existiert. Assyrisch wird seit Jahrtausenden nicht mehr gesprochen, während Hebräisch gesprochen und von Säuglingen in Palästina sogar gelallt wird. An der Verkennung dieser Thatsache, an dem Archäisieren, an der Trockenheit der Kleinigkeitskrämer in der Forschung einerseits, an dem allegorisierenden Pathos des Predigtstils, der alles, sogar die Belletristik, durchdrang, andererseits musste diese Wissensehaft des Judenthums klein, ermüdend und einseitig werden. Wir sprechen es offen aus, dass der Zionismus die grossen Verdienste tinerkennt, welche die andersgesinnten Gelehrten sieh bei Gründung, Ausbau und Pflege jüdischer Wissenschaft erworben haben. Auch will ich nicht verfehlen, hervorzuheben, class es niemandem vor uns einfallen würde, eine Parallele zu ziehen zwischen dem, was im Laufe eines Jahrhunderts, und dem, was im Laufe einiger Jahre geschaffen worden ist. Dem stolzen Geistesfluge der Begründer dieser Wissenschaft folgend, habe ich auch auf diejenigen hingewiesen, die, bewusst oder unbewusst, den Volksgedanken förderten. Suum cuique! Aber die überwundene Phase der Assimilation, anstatt das jüdische Volk zu einem Plusquamperfectum, beginnt selbst ein Perfectum 211 werden. Die Signatur einer merkwürdigen Wendung wurde vom Zionismus und soll weiter dem Geistesleben und der Geistesarbeit aufgedrückt werden. Nichts bringt diesen Umschwung so schlagend zum Bewusstsein, wie die Entwicklung des Hebräischen, worüber das nächste Eeferat handeln wird. Aber auch in allen Sprachen der Welt sind in den letzten Jahren Arbeiten erschienen, denen der nationale Gedanke einen mächtigen Impuls gegeben hat. Hier streuen wir die Saat aus — mögen uns Geisteswerke aus dieser Saat emporspriessen. Im jüdischen Wissen schlummert dunkel und verborgen unser eigenes Selbst. Es ist keine Pharaonengrabkammer, keine versunkene Welt und soll für niemand von uns ein Buch mit sieben Siegeln sein. Jüdisches Wissen muss einen kräftigen Zusammenhang mit dem Leben bewahren. Dieses Wissen in das richtige Geleise zu bringen heisst: es volksthümlich zu machen. So wird das Wissen gewinnen an Frische und Natürlichkeit, so wird es durchwärmt und begeistert; so stellen wir es auf festen, sicheren Boden, so geben wir ihm Unmittelbarkeit, Verständigkeit und reiche Abwechslung, so schaffen wir ein geistiges Lebenscentrum, welches auf das Volksempfinden eine mächtige Wirkung ausüben wird. Vv'as können wir von hier aus schaffen? Ich antworte mit derber Offenheit : Positives lässt sich in dieser Eichtling von hier aus nicht gestalten. Aber von hier flattern die geflügelten Worte unter das Volk hinaus, als ob aus Stahl und Stein Funken aufzuckten. Dass die Volkstümlichkeit der Wissenschaft des Jüdischen thatkräftiger, ein- 10