Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 5 (1901) Basel, 26. bis 30. Dezember 1901
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 144 (sequence 144)
- Language
- German, English, Hebrew
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144 aber doch vielleicht dieser kleinen Sorgen, dieser modernen Verhältnisse. Sind wir doch ein „Judenthum"! Eun ja, Judenthum! Aber tröstet euch nur, euer sogenanntes ,,Judenthrim" ist bloss ein Schulmeister- Ideal. Es steht und fällt mit dem jüdischen Volke. Am anschaulichsten tritt diese Wahrheit in der belletristischen Arbeit ans Lieht. Die Werke, die im jüdischen Volksleben wurzeln, sind lebendig geblieben, während die fast unzählbaren Leistungen der Judenthum-Belletristik mehr oder weniger verschollen sind. Einen wahren Lichtblick gewährt die neuere, jüdisches Leben oder neue Probleme des gesammten jüdischen Lebens behandelnde Belletristik, die von Zangwill, Wassermann, Abramowitz, Peretz, Berditschewski, ISTordau, Herzl, Jacobowski und anderen Findern neuer Kunstpfade repräsentiert wird. Ich bin mit meinem übersichtlichen Theil zu Ende. Ich habe nur skizziert und den reichen Inhalt angedeutet, welchen die letzten Jahre in ihrem Schosse bergen. Dass das jüdische Volk in der Neuzeit, früher unbewusst, jetzt bewusst, in eine bedeutende Entwicklung eingetreten, dass diese im Fortschreiten begriffen und zum Edelsten und Höchsten hinstrebt, habe ich erweisen wollen. Vollendet, fertig ist nichts und kann es nicht sein; aber es ist vieles und Bedeutendes geschehen. Eine Wissenschaft des Judenthums ist begründet, eine Literatur in allen Sprachen der eivilisierten Welt geschaffen. Wir, die Renaissance-Verkündiger des jüdischen Volkes, werden diesem Geistesgut die sorgfältigste Pflege angedeihen lassen. Wir wollen nicht die Wissenschaft des Judenthums als eine ausschliessliche Domäne der zünftigen Gelehrtenwelt gelten lassen. Wir wollen nicht, dass das Jüdische todt und erstarrt vor uns liege. Für uns besteht die jüdische Geschichte nicht aus verklungenen Märchen und aus alten Texten. Dort in dieser dunklen Nacht der Vergangenheit, dort gerade öffnet sich unser forschendes Auge. Es schaut in den Schoss des Volkes und eine selige Empfindung kommt über uns — dieses Volk ist nicht todt, die Flamme des Lebens glüht unzerstörbar unter der Decke! Wir und nicht die haar spalten den Exegeten können Jesaja verstehen, wir werden den besten Commentar zu ihm sehreiben — den Commentar der Verwirklichung. Wir werden am besten die Vergangenheit begreif en, weil wir uns die Zukunft nicht absehneiden. Wir, die glühendsten Verfechter des historischen Gedankens, spannen, den Eahmeii viel weiter, als die Judenthums-Enthusiasten der Aufldärungsperiode. Jene schwärmten für eine Ahstraction, wir für ein Volk, für einen grossen, lebendigen und lebensfähigen Socialkörper. Jene, so oft sie von ihrem Volke sprachen, versuchten seine reale Existenz zu vertuschen. Die Windungen und Vorbehalte, die absichtlichen Dunkelheiten und Ketizenzen, die bewussten Widersprüche verwirrten die Geister. Vieles war darauf berechnet, die Thatsache zu verdunkeln, dass das jüdische Volk noch existiert. Man suchte schönere Namen: Israel, Jeschurun, Bekenner des Mosaismus usw. Ein überkluger Prediger soll einst in einer Kanzelrede Moritz Eabenu eitiert haben — Mosche Eabenu passte ihm eben nicht. Andererseits bemühte man sich, das Jüdische in Museen zu bannen, und zwar in archäologische Museen. Man be-