Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 5 (1901) Basel, 26. bis 30. Dezember 1901
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 142)
- Language
- German, English, Hebrew
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142 Falle verschwand die Wirklichkeit allzu sehr, im anderen carikierte man diese, in allen Fällen schoss man über das Ziel hinaus. Unter den Dichtungsarten fand man die des Romans und der Novelle als die geeignetste. Sie ist die Dichtung der Wirklichkeit, sie gestattet ins Breite zu gehen und Details zu malen. Da man Judenthum und Juden vorzugsweise als historische Figuren betrachtete, so fand man den Roman als die für sie angemessenste Dichtung. Hierfür gab es wieder zwei Arten: das Genre und der historische Roman. In dem ersteren sollte der Jude in seiner individuellen Art, in den ihm eigenen Charakterzügen und Sitten gezeichnet werden, wobei es auf die jüngste Vergangenheit, die dem neuesten Anstreben zur allgemeinen Cultur vorangieng, ziemlich beschränkt war. Dasselbe ist trefflich angebaut worden, namentlich von Kompert, Rebenstein, Steuben, Alexandre Weill. Es. hat zugleich culturliistorischen Wert, indem es besser als jede Sittenschilderung die vor dem Hauche der Zeit verschwindenden Eigenthümlichkeiten des jüdischen Lebens festhält. Eine andere Tendenz verfolgt die historische Novelle und der historische Roman. Ihnen ist es nicht um die Zeichnung jüdischer Sitten zu thun, sondern um die Darstellung bedeutender Situationen aus der jüdischen Geschichte und des jüdischen Charakters innerhalb dieser Situationen. Dieser Art des historischen Romans wurde die besondere Wichtigkeit beigelegt, die Vergangenheit des Judenthums und des jüdischen Volkes nicht bloss in der Monotonie der ewigen Elegie, des steten Jammers der Menschennatur, sondern im verklärenden Lichte des Heroismus zu zeigen, in einem Lichte, welches mit der geschichtlichen Wahrheit in der Gesammtheit übereinstimmend ist, denn nicht das jammernde und verzweifelnde, sondern das heldenmüthige, heroisch abwehrende jüdische Volk hat gesiegt. Von diesem Gedanken giengen die meisten jüdischhistdrischen Romanschriftsteller aus. Ausserdem wurden jüdische Stoffe von jüdischen Dichtern auch lyrisch, episch und dramatisch behandelt, wie von Ludwig August Frankl, Ludwig Wihl, Jujlius Koszar ski, Philipp söhn u. a. Und wie steht es jetzt mit der Wissensehaft des Judenthums? Im Vergleiche mit der Sturm- und Drangperiode der Mitte des 19. Jahrhunderts ist das, was wir jetzt besitzen, nur kaum ein Nachhall, ein wenig d'outre tombe. Die Wissenschaft hat sich in Episoden aufgelöst, die nicht ineinandergreifen, sondern sich aneinanderreihen. Die grossen, bahnbrechenden Geister sind dahin, das Niveau jüdischen Wissens im westliehen Europa hat sogar unter manchen Rabbinen einen erschreckenden Tiefstand erreicht. Die antikisierende Wissenschaft hat an sich etwas Archäologisches. Die einseitige, nach homiletischen Mustern gemachte Belletristik verfiel in ein bramarbasierendes Pathos. Die Wissenschaft des Judenthums muss wieder volkthümlich werden, um Ursprünglichkeit und Frische zu gewinnen. Darin liegt denn auch der Kern aller Differenzen, durch welche wir Nationaljuden von den „Bekennern des Judenthums" getrennt sind, und damit ist auch die Etappe erschöpfend gekennzeichnet, bei welcher die Nation heute auf