Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 5 (1901) Basel, 26. bis 30. Dezember 1901
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 135 (sequence 135)
- Language
- German, English, Hebrew
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135 nach allen Richtungen hin und in allen ihren Theilen mit mehr oder weniger Gründlichkeit, Kritik und Verständnis angebahnt, untersucht und dargestellt. Unter den Werken, welche den unverwelklichen Ruhineskranz deutscher Juden flechten, ist Grätz' „Geschichte des jüdischen Volkes" mit einer ungewöhnlichen, durch literarische Controverse lebhaft angefachter Erregung aufgenommen worden. Die auf dem Principe jüdischen Volksthums begründete, mit manchen Anschauungen Frankels begonnene Geschichtsauffassung vollzieht in Grätz' Geschichte einen bedeutsamen Fortschritt, obwohl in manchen Hinsichten Grätz noch der alten Eichtling treu bleibt. Weil gerade bei Grätz alles in den Kreis subjectiven Gefühles trat und von ihm ausstrahlte, kam ein Leben in das Werk, das vielleicht für den historischen Stil mitunter zu heftig pulsierte, aber gerade dadurch das Werk dem Verständnis unserer Zeit näher brachte. Was die anderen, ziemlich zahlreichen Geschichtswerke betrifft, so ist es ihnen schwer, sich aus dem Schatten, in welchen sie Grätz stellt, herauszudrängen. Doch haben Cassel, Kayserling, Karpeles, Braun theils für populäre Geschichte, theils für all gemein-jüdische Literaturgeschichte Bedeutendes geschaffen. TJnvergesslich bleibt David Kauffmann, ein reicher Spender des Wissens, ein riesig fleissiger Forscher, der mit edlem Eifer und sittlichem Ernst fast alle Domänen jüdischen Wissens durchgearbeitet hat. Weiss, Harkavy, Joseph Halevy, Friedmann, Jacobs, Schechter, Gaster, Bacher, Güdemann, Schwarz u. a. haben mit grösseren und kleineren Arbeiten die Literatur bereichert. In Frankreich arbeitet die „Societe des Etudes Juives", in England der ,,Jewish Quarterly Review". Kicht minder aber erwachte nach und nach das Bestreben, auch den Lehr- und Gedankeninhalt des Judenthums zu einer wissen schaftlichen Erkenntnis und Bearbeitung zu bringen. Dies gieng allerdings mehr aus praktischen Motiven hervor. Diese praktischen Motive waren die Predigt und der Religionsunterricht. Beide aus realem Bedürfnis erwachsen, müssen den ideellen Inhalt des Judenthums, selbst da, wo sie das Gesetz und die Ceremonie besprechen, aufsuchen. Aber die erstere thut dies in freier Bewegung und populärer Weise, der andere systematisch, aber oberflächlich. Erst in den Vi erziger jähren des 19. Jahrhunderts wurde der Versuch unternommen, den Lehrinhalt des Judenthums auch in philosophischer Weise zu höherem Bewusstsein zu bringen. Der eine Versuch geschah vom eklektischen Standpunkte und bewegte sich nur um die obersten Principien (Formstecher), der andere, tiefer in die Details und den Charakter der Lehre eingehend, construierte die Lehre des Judenthums auf dem Grunde Hegel'scher Principien (Samuel Hirsch), der dritte wollte die Offenbarungsiehre zu einer „exaeten Wissenschaft" machen (Steinheim), d. h. sie wie ein physikalisches Experiment oder mathematisches Axiom erweisen. Bedeutender war in dieser Beziehung der durch und durch nationaljüdische Philosoph Kachman Krochmal. Das Keberraschende seiner Anschauung, der Scharfsinn und die Combinationsgabe hoben ihn hoch empor über seine Fachgenossen, und unter seiner Meisterhand nahm