Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 5 (1901) Basel, 26. bis 30. Dezember 1901
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 132 (sequence 132)
- Language
- German, English, Hebrew
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132 Innerste unseres Wesens zu beleuchten. Es wäre beklagenswert einfältig, die grossen Probleme der jüdischen Psyche von der Sorge des Alltags verschlingen zu lassen, oder sie in Allegorien aufzulösen. vSie treten in den Vordergrund, unabhängig von unserem Wollen, mit einer elementaren rebeiiegeiihe.it, der gegenüber jeder Versuch eines Sichlosringens fruchtlos wäre. Wir fussen auf dem Boden der nationalen Intelligenz und wir empfangen unsere geistige Nahrung von den historischen Traditionen und von der sittlichen Cultur unseres Stammes. Unter diesem Gesichtspunkte, mit hellen Augen angesehen, erseheint uns die Wissenschaft des Judenthums, wenn auch dem Gewirr des Tages fern, im klaren Lichte einer nationalen Lebensfrage. Ich möchte den grossen Gegenstand mit grossem Ernste behandeln. Vor allem, um die Tiefe und den Umfang des Gegenstandes vollkommen zu würdigen, muss eine klare Definition vorausgeschickt werden. Wissenschaft des Judenthums! Was bedeutet dies? Und steckt darin innere, drängende, gährende Lebenskraft? Man hat mit dieser Bezeichnung vielen Missbraueh getrieben. Wer irgend einige vergessene Körner vom Speieher des Judenthums gesammelt, irgend einige specielle Materialien zusammengetragen, ein altes, oft wenig bedeutendes Manuscript hat drucken lassen, wirft stolz mit „Wissenschaft des Judenthums" um sich, da ss dieses schöne Wort fast in Verruf zu kommen droht. Dies ist, simpel benamset, Archäologie. Andere wiederum leugnen höhnisch das Vorhandensein einer solchen Wissenschaft überhaupt. Mancher moderne Jude hält alles Gerede über jüdische Wissenschaft für Hirngespinst und von seinem Standpunkte hat er recht. Da ihn sein Denken und Wollen mit keinem Theile dieser Wissenschaft in unmittelbare Berührung bringt, so sieht er keine Spur von ihr. Man spricht bekanntlich der Theologie und der Jurisprudenz den Charakter einer Wissenschaft überhaupt ab; höchstens gesteht man ihnen eine wissenschaftliche Behandlung zu, da beide nur gegebenes und streng formuliertes Material systematisch und höchstens kritisch zu bearbeiten hätten, Systematik und Kritik aber zwar zur Wissenschaft gehören, aber nicht Wissenschaft seien. Indes das Judenthum ist keine Theologie und keine Jurisprudenz, wenn auch beide in ihm enthalten sind. Gegebenes an sich muss jede Wissensehaft haben, nämlich ein Object: die Naturwissenschaft z. B., hat gegebene abgeschlossene Gegenstände, die ihrer Behandlung unterliegen. Ist das Judenthum etwas Gegebenes? Darauf antwortete man schon längst: Das Judenthum ist eine grosse, historische Erscheinung, die in einer steten Entwicklung vor sich gieng, die ihre grossen Phasen hat, den Mosaismus, Prophetismus, Talmudismus, Eabbinismus und die gegenwärtige Epoche innerhalb des modernen Culturlebens. Das Judenthum hat ausserdem einen grossen ideellen Inhalt, den es in beständiger Entfaltung hielt; es hat aber auch diesen ideellen Inhalt in Gesetz und Eecht, im Leben eines Volkes, und von da aus im Leben eines grossen Theiles des Menschengeschlechtes realisiert. Als diese Erscheinung tritt es schon in seinem ersten Ursprung und seinen Ur-