Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 4 (1900) London, 13. bis 16. August 1900
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 232 (sequence 232)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3476254-3476262--1304-3477440- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
die Statistik auch hier, dass die Zahl der Bettler im judischen Volke 1 : 20 ist, d. h., dass ein Fünftel bettelt. Unter zwanzig Leuten ist also Einer, der von Haus zu Haus betteln geht. Ich will noch kurz einen Blick auf die Wohnungs- und Ernährungsverhältnisse der Juden werten. Hier leider kann ich nicht mit Zahlen dienen. Nur das ist festgestellt, dass, wahrend die Zahl der Juden in Wilna f>0 Percent beträgt, die Zahl der Hausbesitzer nur 40 Percent ausmacht. Es wird interessant sein, zu erfahren, was das für Häuser sind. Dafür nur eine Thatsache. In Wilna wurde im Jahre ISUo beschlossen, zehn Häuser abzubrechen, weil sie zur Zeit der Cholera verdächtig waren. Die Vergütung schwankte zwischen 10 und Rubel pro Haus. Was die Ernährung betritt], so lassen sich diesbezüglich auch keine Daten feststellen. Nur das lässt sich constatieren, dass der Fleischconsum bei den Juden der allergeringste ist, den man bei allen Nationen findet. Er beträgt :K> Pfunde pro Kopf und Jahr, während in England lVjO Pfund auf den Kopf kommen, in Deutschland 200 Pfund und selbst in dem armen Ilussland nicht weniger als 100 Pfund Was ist das Resultat? Die .luden hungern, sind blass, mager und Sie erkennen den Juden sofort nicht bloss an der Nase, sondern an seiner Blässe, an seinen Uppen, Ich hätte das gerne weiter ausgeführt, aber 1 lorr Prof. Mandelstamm, der mir zuvorgekommen ist, hat Ihnen seiton erzählt, wie unhygienisch der Jude lebt, wie unhygienisch er wohnt, wie unhygiouisch er isst. Meine Herren! Die Juden möchten gerne hygienisch sein, aber es fehlen ihnen die Mittel hiezu, denn % der Bevölkerung Galiziens und Russlands hungern. Nachdem ich Ihnen diese Thatsachen durch Zahlen bewiesen habe, will ich zu dem übergehen, was geschehen soll. Ich möchte da meine Warnung gegen die Wohlthätigkeit ertönen lassen. Nicht durch Wohlthätigkeit kann uns geholfen "werden, sondern nur durch Selbsthilfe. Wohlthätigkeit hilft zwar im Momente der Noth, aber sie lähmt die Eneigie zu weiterer Thätigkeit, und gerade diese ist es, was die jüdische Bevölkerung braucht. Nur dem, der sich selbst hilft, kann geholfen werden. Bevor ich zu positiven Vorschlägen übergehe, möchte ich ein Wort an die Delegierten richten. Sie haben das Glück mit dem sogenannten gemeinen Juden in Fühlung zu sein und darum beneide ich Sie. Nicht nur, weil, wie der Dichter sagt, der Arme höher steht als Jedermann, sondern weil Sie so Gelegenheit haben, seine Thätigkeit zu heben, seine ökonomische Lage zu bessern, ihn auf bessere Wege zu weisen, wo er sich besser befinden wird. Darin liegt ein wesentlicher Moment, denn so begabt er ist, so wenig versteht er, sich eine neue Beschäftigung zu suchen. Er ist gebunden an die Beschäftigung, die sein Vater und Grossvater hatte und kann sich nur sehr schwer zu einer neuen entscheiden.