Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 4 (1900) London, 13. bis 16. August 1900
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 197 (sequence 197)
- Language
- German, English, Hebrew
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- 1H7 — Meine Herren! Dass es verschiedene religiöse Strömungen unter uns Juden gibt, wie sie unter allen Menschen vorhanden sind, von denen die eine mehr auf das Alte, Hergebrachte, die andere mehr auf das Neue, Zeitgemässe vertraut — wissen wir ja längst. Vergebens bemüht sich scheinheilige Entrüstung neulich die Legende zu erzeugen, als ob der Zionismus diese Gegensätze geschaffen hätte. Die Beschuldigung ist unwürdig und unwahr. Wem untersteht sich das heuchlerische Ordnungsphilisterthum den falschen Glauben beizubringen, als wäre das jüdische Geistesieben und Parteiwesen v o r dem Zionismus ein symphonischer Zusammenklang gewesen? Wir, die wir in ein^m grossen jüdischen Milieu leben, können Euch von der Eintracht, die v o r dem Zionismus herrschte, und von dem angeblich klaren Abglanz des Bibelwortes: ,.Wie schön ist's, wenn Brüder zusammenwohnen," ein Bild entrollen. Es krabbelte alles — entschuldigen Sie die Derbheit des Ausdruckes. — wie in einem Ameisenhaufen durcheinander. Eine kleine Welt kleiner Menschen und kleiner Gefühle. Von einer tieferen Auffassung des nationalen Lebens war keine Spur zu entdecken. Die Trostlosigkeit der gegenseitigen Parteientfremdung schien den Tiefpunkt erreicht zu haben. Die alten K h e h i 1 o t h waren aus Rand und Band; die Zerreibung der Mittelpartei, der Mysnagdim, eine fast vollständige. Das fromme Judenthum, in viele Kategorien getheilt und schroff unversöhnlich, rettete sich in eine Hülle steifer, strenger Formen, unstet, schweifend, zerbröckelt. Nicht im Kampfe, nein, in der grauen, eintönigen Alltäglichkeit verkümmerte das jüdische Geistesleben schwunglos, matt, verdriesslich. Und wie waren die früheren Culturbestrebungen? Dürr, unwahr, schwächlich, gemacht in der Empfindung, jeder poetischen Frische bar. Eine alles überwuchernde Zaghaftigkeit und moralische P'eigheit, ein unstetes Schwanken und schwächliche Nachgiebigkeit verurtheilten diese Richtung zu hochmüthiger Sterilität. Die Vertreter'dieser Partei — auch wir im Osten haben sie — verkündeten die Verödung und den Niedergang der jüdischen Nationalitäl als Dogma. Und sie sprachen wahr, die jüdische Nationalität war todt, d. h. in ihren Seelen, in ihrem Gehirn, todt in und um sie. Ihre kleinsten Wurzeln rissen sie aus, wo sie auch unter ihren Füssen keimen mochte. Alles war organisiert gegen das Wiedererwachen der nationalen Empfindung. Die Phrase allein war gestattet, geehrt, protegiert. Die Phrase von der Confession; kein schaffender und wertender Factor, sondern ein leeres, hohles Wrort. Und welche Kluft zwischen den Alten und Neuen! Ein kleines Häuflein von Intelligenz vermochte keineswegs die trägen Massen aufzuwühlen. Denn dazu braucht man mehr Blut, mehr Feuer, kräftige Ursprünglichkeit, nationale Eigenart, zähe Ausdauer; dazu