Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 4 (1900) London, 13. bis 16. August 1900
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 170 (sequence 170)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 170 — spricht Venn z. B. in Russland ein Verein 500 Mitglieder hat, so wird es, glaube ich, nicht schwer fallen, 200 Rubel aufzutreiben. Mein zweiter Vorschlag geht dahin, dass wir nach dem Muster der Friedensfreunde jeden Zionisten verpflichten, im Laufe des Jahres mindestens noch einen Zionisten oder eine Zionistin anzuwerben. Dadurch würde der Zionismus in einer Progression wachsen. Nun komme ich zu den Haupt-Organisations- und Agitationsmitteln. Ich stelle den Antrag: „Der IV. Zionisten-Congress möge beschliessen, allen Zionistenvereinen die Pflicht aufzuerlegen, an allen Orten, wo es Zionisten und Zionistinnen gibt, die zionistischen Frauen und Mädchen zu Vereinen zu organisieren." Warum gibt es weniger Zionistinnen als Zionisten? Hier ist noch ein grosses Gebiet, ein grosses Agitationsmittel. Die Gefühle aller Völker lehrt, dass immer die edlen Frauen die Männer zu den herrlichsten Thaten hingerissen haben. Von jeher hat sich die Blume dem Lichte zugewendet, und wvnn jemand daran zweifeln könnte, dass die Sonne Licht verbreitet, so liegt der Beweis, dafür darin, dass die Blume sich dem Lichte zuwendet. (Lebhafter Beifall.) Del. Dr. Nordau (stürmisch acclamiert): Verehrte Versammlung* Es is wohl verständlich, dass unser Congress für die Zukunft des jüdischen Volkes arbeitet; aber die unmittelbare Gegenwart stellt ebenfalls drirgende Anforderungen an uns. Das Judenelend in seiner herzbrechenden Form belagert die Thüren unseres Congresses und starrt uns in die Augen, wenn wir eintreten wollen. Sie haben alle die rumänischen Brüder gesehen, die in Jammergruppen draussen auf der Strasse stehen und sich an die Wand lehnen, weil sie aus Erschöpfung sich nicht aufrecht erhalten können. Ich habe in diesen drangvollen Tagen keine Zeit gefunden, die Zeitungen zu lesen; man versichert mir aber, dass in diesen Tagen die hiesigen Blätter über zwei Fälle berichtet haben, in denen rumänische Juden in den Strassen Londons vor Hunger gestorben sind. (Hört, hört!> Zu meiner eigenen Kenntnis ist folgender Fall gelangt. Gestein Hess eine arme rumänische Jüdin unseren Vorsitzenden, Herrn Doctor Herzi bitten, einen Augenblick zu ihr hinauszugehen. Ehe aber Doctor Herzl sie erreichen konnte, war sie auf der Strasse zusammengebrochen, die Unglückliche hatte, ich weiss nicht, seit wie vielen Tagen, nichts gegessen. (Bewegung.) Geehrte Versammlung! Die Aufgabe des Congresses ist es nicht, Almosen zu vertheilen. Er hat auch nicht die Mittel dazu. Aber der Congress besteht aus Congress-Mitgliedern. Wir, die hier versammelten Delegierten, sind Juden und Menschen. Es soll nicht gesagt werden, dase wir solche Aufritte mit angesehen haben, ohne zur Erleichterung, zur Milderung dieses entsetzlichen Elends gethan zu haben, was wir konnten; es soll nicht gesagt werden, dass 400 Juden vier Tage lang beisammen gewesen sind, und über jüdische Angelegenheiten berathen haben und dass nur durch die Dicke einer Hausmauer getrennt. Juden vor ihren Augen Hungers gestorben sind; es soll nicht gesagt werden, dass wir fortwährend das Büffet belagern und täglich regelmässig unsere Mahlzeiten halten und Brüder und Schwestern auf Armeslänge aus Hunger und Erschöpfung zusammenbrechen. Ein alter Spruch sagt: „Zedakah tazel mimabet", Wohlthun rettet vom Tode! Die mystische Bedeutung dieses Spruches ist, dass die Wohlthätigkeit die Wohlthäter vom Tode errettet. Die nicht mystische