Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 4 (1900) London, 13. bis 16. August 1900
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 128 (sequence 128)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3476254-3476262--1200-3477336- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/2781475
- Pinsk 1× ep/1045440
OCR text
- l-N — wähnten Krankheiten, welches sich leider eines zu grossen Zuspruches erfreut. Sollte eben nicht baldigst Wandel gesrhatten werden, so sehe ich mit Grauen der Zeit entgegen, wo die letzten von mir aufgezählten Dämme gegen die körperliche Entartung der Juden »'ingerissen und das Ghettojudenthum mit ■Riesenschritten einer physischen und moralischen Zersetzung entgegeneilen wird. Nach dem Geschilderten komme ich zum Kern der Sache, zur Frage: auf welche Weise die körperliche Hebung der Ghettojuden zustande gebracht werden könne? hie Antwort darauf kann nur eindeutig lauten: Die physische Hebung kann einzig und allein nur durch eine social-ökonomische Umgestaltung der Lage der Ghettqjuden ins Leben gerufen werden; denn diese ist's ausschliesslich, welche den Volkskörper der Juden allmählich untergräbt und zugrunde richtet. Selbst innerhalb des'Ghetto kann dieser Beweis geliefert werden. Die Ackerbauer im Chersonsehen und Ekaterinoslawschen, die Flösser in Pinsk, die Hafenarbeiter in Odessa, welche sich in freier Luft bewegen und ihre Muskelkraft entwickeln können, sind unvergleichlich gesünder und rüstiger. In Russland nun, wo fünf Millionen Juden wohnen, würde ein Machtwort, das Streichen des einen Satzes der russischen Gesetzgebung: rMil Ausnahme der Juden*4 dieses Wunder zutage fördern, Gleichberechtigung, Freizügigkeit, Einreissen der Ghettomauern, freie Immigration der Juden ins grosse russische Reich — welches einen jeden, der essen will, sättigen, und einem .jeden, der durstig ist, den Durst stillen könnte —- würden im Verlaufe von zwei bis drei Generationen in demselben Masse die physische Hebung fördern, wie es in Westeuropa geschehen ist. Ich spreche in diesem Falle speciell als Arzt und nicht, als Zionist. In Galizien und Rumänien \vürde, bei der verlotterten Wirtschaft der dortigen Aborigenen, bei der moralischen Decadenz ihrer Schlachzizeu und Lojaren, anstatt einer unverzeihlichen Liebäugelei der betreuenden Regierungen mit der antisemitischen Schwefelbande eine strenge Handhabung der Verfassung so manche Abhilfe leisten. Da aber ein solcher Wandel zum Uesseren in absehbarer Zeit durchaus nicht zu erwarten ist, da vielmehr alle Anzeichen dafür sprechen, dass die Juden im nächsten Jahrhundert ebenso wie in dem vergangenen den obligatorischen Karpfenteich für die grossen arischen Hechte abgeben werden, und da überhaupt, trotz Gultur und Civilisation, die ganze christliche Ethik in den letzten Decennien auf den Kopf gestellt wird, so kann es sich bei der Lösung unseres Problems innerhalb des Ghetto nicht um eine radicale Abhilfe, sondern höchstens um Palliativmittelchen handeln, die einerseits der physischen Entartung der Ghettojuden bloss eine Galgenfrist gewähren könnten, anderseits die Wohlthätigkeit und Selbsthilfe der Ghettojudenschaft aufs höchste an-