Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 4 (1900) London, 13. bis 16. August 1900
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 121 (sequence 121)
- Language
- German, English, Hebrew
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Berditschew und anderswo. Ich selbst könnte aus eigener -Anschauung tausend gleichwertige Bilder socialen Elends schildern, wenn ich die heutige Versammlung nicht gar zu sehr verstimmen wollte. Dass es von diesen unheimlichen Nestern allmähliche Uebergänge bis zum allergrössten Comfort, ja bis zur luxuriösen Einrichtung innerhalb des Ghetto gibt, versteht sich von selbst; aber ebenso selbstverständlich ist es, dass das Gros der jüdischen Behausungen geradezu darnach angethan ist, die Gesundheit der kräftigsten Organismen zu untergraben. Leicht erklärlich werden diese Wohnungsverhältnisse, wenn man in Betracht zieht, wovon diese Leute ihren Lebensunterhalt fristen. Mit Ausnahme einiger Millionäre, Glückspilze, die überall anzutreffen, einiger Grossindustriellen, namentlich Zucker- und Tuchfabrikanten, die an den Fingern abzuzählen sind und deren Reichthümer bei der ersten besten Geldkrise in nichts zerstieben; mit Ausnahme der an Zahl geringen Ciasso, die Universität sbildung genossen —Aerzte, Advocaten, Ingenieure — die vor 10—15 Jahren materiell ziemlich geborgen war und es sogar zu einigem Wohlslande gebracht hat, jetzt dagegen, wo ihr, namentlich in Bussland und Rumänien durch Einschränkungsgesetze eine jede Carriere abgeschnitten, allmählich zu einem intelligenten Proletariat herabsinkt; mit Ausnahme des wenig zahlreichen mittleren Kaufinannsstandcs, dessen Geschäftsrad zumeist mit geborgtem Gel in Betrieb gesetzt wird und sofort stille steht, sobald ihm der Credit entzogen wird; mit Ausnahme endlich von etwa 10 —15.000 Colonisten, Landarbeitern (inclusive Frauen und Kinder) im Cherson'schen und Ekaterinoslaw'schen. besteht die übrige erdrückende Mehrheit der Ghettojuden aus Kleinkrämern, deren ganzer Warenbesitz kaum die Abgaben deckt, die sie entrichten müssen, aus Handwerkern, deren Zahl erschreckend gross, laut statistischen Daten, die übrigens mangelhaft, nicht weniger als 400.000 (Frauen und Kinder nicht eingerechnet], aus Taglöhnern, deren Zahl enorm, bei fehlender ♦Statistik aber nicht zu bestimmen, Taglöhnern, die früh morgens sich auf die Suche nach Arbeit begeben und nicht wissen, ob sie abends der darbenden Familie das Geld zum Ankaufe eines Brotes mitbringen werden; aus Fabrikarbeitern (in Russland etwa 70.000), die um einen Spottlohn von 40—oO Kopeken (3 Pence) 12—14 Stunden täglich arbeiten, und — Bettlern. Es ist ein grosses Vorurtheil, wenn behauptet wird, dass die Juden arbeitsscheu sind; es gibt kein noch so niedriges Handwerk, kein noch so schweres — von der Dachdeckerei angefangen bis zur Latrinen- Reinigung — das der Jude nicht verrichten sollte (Hört, hört!); in Litthauen sind die Juden fast die ausschliesslichen Handwerker: Tischler, Klempner, Schmiede, Schuster, Schneider, Lastträger, Maurer etc. etc. Das Vorurtheil entsteht leider dadurch, dass es