Mannheim
Compact Memory

Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in … · 1900-01-01 · 4 (1900) London, 13. bis 16. August 1900 · p. Seite 120

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
Volume
4 (1900) London, 13. bis 16. August 1900
Date
1900-01-01
Page
Seite 120 (sequence 120)
Language
German, English, Hebrew
Belongs to
journal volume
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3476254-3476262--1192-3477328
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 120 — dass auch in den grösseren Städten der allergrösste Theil der jüdischen Bevölkerung häuslich ebenso erbärmlich eingerichtet ist, wie in den kleineren Städtchen. Anstatt meiner will ich nach dieser Richtung hin zwei Kronzeugen aus der christlichen Well reden lassen, welche die grösseren Städte des Ghetto in Augenschein genommen haben. Der eine ist der bekannte Sociologe Anatole L e r o y-B e a u 1 i e u in Paris. Er sagt: „Unter allen Völkerschaften des grossen russischen Reiches habe ich nichts Elenderes gesehen, als diese armen Juden, die in ihren langen Röcken und hohen Stiefeln, ohne Rast und Ruh, durch die Strassen hei umschwirren, auf der Suche nach irgend einer Arbeit. Man spricht jetzt viel von der Hebung des Proletariats und einer Aufbesserung der socialen Lage; ich darf behaupten, dass in unserem Europa es nichts Aermeres gibt, nichts, was sich schwerer sein trockenes Brod verdienen muss, als neun Zehntel der russischen Juden.4* Alsdann der russische Socialökonom Subbotin, welcher in das Ghetto tiefe Einsicht genommen. „Man lebt in Scheunen, wo der Regen durch die Löcher des Daches sickert, in Kellerräumen, wohin nie Sonnenlicht dringt. Solcher Kellerräume gibt's recht viele in Wilna. und Subbotin erzählt Folgendes: „Als wir uns zum erstenmale einer solchen Behausung näherten, da ahnten wir von letzterer nichts : wir sahen vor uns ein grosses Loch, halb mit verfaulten Brettern bedeckt; rings herum lagen Gemüseabfälle, Lumpen, Fischgräten etc. Anfangs glaubten wir, das sei eine Senkgrube, es ergab sich aber, dass dies der Eingang zur Behausung intelligenter Geschöpfe sei. Auf eine andere Weise konnte man aber in diese Behausung nicht gelangen. Wir mussten in gebückter Stellung mtschend hinuntersteigen, wobei unsere Kleitier ganz schmutzig wurden. Nachdem wir 18 stufen hinuntergestiegen, wurden wir eine Höhle gewahr von Arschin (4 Meter) Länge, :-> Arschin , Meter) Breite, nur spärlich durch eine schornsteinälmliche Oefinung, die bis zum Hofpüaster reichte, beleuchtet. Neben diesem Souterrain befand sich eine andere Höhle von IG Arschin (\-2 Meter) im Quadrat, wo drei Holzbetten standen, mit unaussprechlichen Fetzen bedeckt. Diese Wohnung wird von einer Jüdin für 50 Rubel jährlich gemietet, und diese vermietet sie an ~> Aftermieter für je 10 Rubel jährlich. In dem quasi helleren Zimmer wohnen zwei Bettlerinnen mit ihren Kindern; diese waren zuhause; die eine hatte ein gesundes, rosiges Kind, welches zu der Behausung in grellem Gontraste stand; in der zweiten Hälfte wohnten drei Familien, aus sechs Personen bestehend; auf dem einen Bette ein Taglöhner mit seiner Frau, auf dem anderen ein Bettler mit seiner Frau, auf dem dritten eine Bettlerin mit ihrem Kinde.* Aehnliches, in verschiedenen Variationen, sah er in Grodno,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.