Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 4 (1900) London, 13. bis 16. August 1900
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 62)
- Language
- German, English, Hebrew
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Zeit, als wir für das jüdische \'o\k zu arbeiten begannen, sehr entrüstet hat. Wie kann man eine solche Scheidung herbeiführen? Was kann man un? vorwerfen? haben wir uns gefragt. Aber je mehr wilder Sache nachgiengen, desto mehr mussten wir uns gestehen, dass diese Abneigung gegen die polnischen Juden nicht ganz unbegründet ist. Ich sage es selbst, als polnischer Jude. Wenigstens der grösste Theil de.s jüdischen Volkes in Galizien hat etwas an sich, was einen Culturmenschen abstossen muss. Nur das eine vergesse man nicht: £s ist sehr v[»\ und zu viel, wenn man von einem armen Menschen, der in Noth und Elend lebt, vorlangt, dass er immer mit Moral und Tugend und dem ganzen Rüstzeug eines sogenannten europäischen Culturmenschen einherschreite. (Heifall.) Vergessen Sie nicht, dass Armut die Sitten dt-'praviert, dass Armut die Menschen herabzieht in den Koth, und glauben Sie, es gibt überhaupt nichts, was einem Volke mehr schaden kann als Noth und Armut. Das nur wollte ich sagen. (Lebhafter Hei lall und Händeklatschen.) Rrof. Dr. Gottheil (beginnt seine Rede in englischer Sprache. — Rufe : Deutsch.) Vors. Dr. Nordau: Ks muss dem Redner überlassen bleiben, die Sprache zu wählen, deren er sich bedienen will. Das ist in unserer Geschäftsordnung ausdrücklich gesagt. Dr. Gottheil (setzt seine Rede in englischer Sprache fort.) (In deutscher Uebersetzung) : Die Stunde ist bereits vorgerückt, dass ich nur mehr wenige Worte sprechen kann. Würde mir dienöthige Zeit zur Verfügung stellen, ich würde Ihnen das freudige Gefühl schildern, das ich empfinde, auf einem Ziouislen-Congresse sprechen zu können, der in einer englischen Stadt abgehalten w.i d; denn ich fühle mich da doppell heimisch, da England das Laad meiner Geburt ist und ich hier an einem Congress meines eigenen Volkes thcilnehme. Ich freue mich sehr, einer der Vertreter jener Juden zu sein, die in einem Lande weilen, wo sie unter keinerlei einschränkenden Gesetzen zu leiden haben, wo der Ii eist der Gesetzgehung nicht von Feindseligkeit gegen sie erfüllt ist, wo sie sich voll und ganz in religiöser Hinsicht ausleben können, wo sie sich frei und ungehindert bewegen dürfen in jeder Lebensphase. Sie haben bis jetzt recht viel gehört über die Verhaltnisse der Juden in Ländern, aus denen sie auswanderten und noch auswandern. Gestatten Sie mir nunmehr, auch etwas über jenes Land zu sagen, in das sie in so grossen Massen eingewandert sind. Vor 25 Jahren gab es in den Vereinigten Staaten nicht mehr als 170.000 Juden. Nunmehr ist diese Ziffer auf nahezu eine Million gestiegen. Sie können sich denken, dass eine derartige Verschiebung auf grosse Schwierigkeiten gestossen sein miL-s. Bedenken Sie, welch schwere Aufgaben die im Lande bereits einheimischen Juden zu bewältigen Italien, um ihre in derartigen Massen einwandernden Stammesgenossen zu empfangen, denen die Sprache und Sitten des Landes völlig fremd waren. .Ich glaube, dass man von dieser Stelle ein Wort des Dankes den Juden der Vereinigten Staates schuldig ist, die in so edler Weise ihren leidenden Brüdern zuhilfe kamen und