Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 4 (1900) London, 13. bis 16. August 1900
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 60)
- Language
- German, English, Hebrew
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— f>0 — Ziffer, die heute hier ausgesprochen wird. Denn in den Fällen, von welchen die anderen Herren Ihnen bis jetzt gesprochen haben, drehte es sieh um wenige Tausende oder Hunderttausende. Wird sind endlich bei der Million angelangt. Diese Million galiziseher Juden bildet aber auch zugleich das grösste und stärkste Juden Proletariat, ich wage sogar die Behauptung, dass das jüdische Massenelend in Galizien viel grösser ist als dasjenige, welches Ihnen heute hier in so beweglichen Worten betreffs der rumänischen Juden geschildert winde. Ich wage diese Behauptung, obwohl ich weiss, dass sie vielfachem Widerspruche begegnen wird, aber die Behauptung ist begründet. Da<* jüdische Massenelend in Galizien ist vor allem darum nicht so bekannt geworden, weil wir in <ializien wie in Oesterreich die sogenannte Gleichberechtigung für die Juden haben. Sie wissen es: Der Widerstand der grossen jüdischen Masse wendet sich zunächst gegen Ausnahmsgesetze. Sie wollen nicht unterschieden sein von anderen. Sie wollen als Freunde behandelt werden. Sie wollen auf dem Papiere wenigstens die Gleichberechtigung haben. Darum in Rumänien und Russland der kräftige Widerstand. Darum in Galizien die verhältnismässige Ruhe. Aber auch andere Gründe spielen hier mit. Der Jude in Galizien hat sich an sein Elend bereits gewöhnt. Ich erinnere mich hier an eine Anekdote, die in Galizien circuliert, und die Ihnen vielleicht auch bekannt ist. Einer von jenen Bationim, diesen armen Jammergestalten, die Sie nur vom Hörensagen kennen werden, oder höchstens davon, dass sich einer oder der andere nach Deutschland oder England verirrt hat, einer dieser Bationim wollte sich eines abends auf dem Dachhoden einer elenden Hütte zur Ruhe begeben. Er setzte sich an den Rand seines armseligen Lagers und jammerte: fÜ, mein Gott, wann werde ich aus dem Elende herauskommen?" Ein anderer dieser Genossen hörte dies und rief ihm zu: rIm nächsten Jahr!" Durch die Stimme von oben überrascht, stand er freudig und erstaunt auf und frug: „Warum nach einem Jahre?" „A eil Du Dich nach einem Jahre bereits daran gewöhnt haben wirst!" war die Antwort. Das ist die Geschichte der galizischen Juden überhaupt. Wir klagen und jammern nicht mehr, weil unsere Hilferufe nicht mehr verstanden werden, weil wir nicht wissen, ob man uns überhaupt helfen kann. Ich habe die Juden in Galizien Proletarier genannt. Aber Sie dürfen dieses Wort, das in Deutschland zu einem politischen Kraftworte geprägt worden ist, beiweitem nicht auf die Verhältnisse in Galizien anwenden, denn ich kann Ihnen stricte sagen, dass, wenn die Juden iu Galizien und der Bukowina zu ihrem Lebensbedarfe nur einen TJieil dessen hätten, was die Proletarier im Westen zu agitatorischen Zwecken ausgeben, sie zufrieden wären. Sie können daraus ersehen, wie weit sich der Proletarier in Galizien von jenem in Deutschland oder in anderen Ländern unterscheidet. Wü klagen nicht und wir jammern nicht, denn wir sind das Elend bereits gewöhnt, sage ich: Als aber der Zionismus seinen Siegeslauf über die ganze jüdische Welt nahm, da kam auch etwas davon nach Galizien, und sehen Sie. merkwürdig, wieder mit ein Bewreis für das grenzenlose Elend in Galizien: Gerade in jenem Lande, wo das Judenelend so typisch geworden ist, dass es jeder Beschreibung spottet, hat er nicht jenen Erfolg zu verzeichnen wie anderswo, wo noch erträglichere Verhältnisse vorhanden sind. Und warum? Ich habe bereits eingangs erwähnt, dass die galizischen Juden, ein grosser Theil derselben wenigstens, dahinsiechen und dahinjammern, als wenn sie kuine Menschen waren. Man kann ihnen nicht begreiflich machen, dass es für das jüdische Volk überhaupt noch eine Hilfe gibt, dass es möglich ist, dass es au* diesem jammervollen Zustande einmal herausgeschleppt werden solle, und das ist das Traurigste. Die Leute haben jedes Fühlen