Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 4 (1900) London, 13. bis 16. August 1900
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 59)
- Language
- German, English, Hebrew
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Wir haben geordnete jüdische G e m e i n d e v e rhältnisse; aber es fehlt uns der lebendige Geist, der uns Spannkraft verleiht im Kampfe gegen die Anfeindungen unserer Zeit. Ein grosser Theil der gebildeten Juden nimmt überhaupt keinen Antheil an jüdischen Angelegenheiten. Der Abfall vom Judenthum ist an der Tagesordnung; namentlich auch, wenn es sich darum handelt, eine gute Carriere zu machen. Unsere Universitäten wissen davon zu erzählen. Zahlreich sind in den grossen Städten die Kindertaufen. Was an positiven Bestrebungen vorhanden ist, das ist nicht viel. A b w chrvercine und j ü d i s c h e S t a a t s b ü r g e rvereine mögen in gewisser Hinsicht nützlich sein; aber sie wirken nicht productiv für das Judenthum. Im Laufe des letzten Jahrzehntes sind in Deutschland eine Reihe von jüdische n Logen gegründet worden, welche dazu bestimmt sind, gerade den gebildeten Juden einen socialen und gesellschaftlichen Halt zu geben. Es ist nur zu bedauern, dass sie sich unseren Bestrebungen gegenüber bisher zumeist ablehnend verhielten. Wir haben ferner eine Anzahl von Vereinen für jüdische Geschichte und Literatur. Wir haben jüdische Studenten vereine, es bestehen jetzt solche bereits an fünf deutschen Universitäten, auch einen jüdischen Turnverein, der auf zionistischem Boden steht und sich ordentlich regt. Die zionistische Bewegung hat in Deutschland aus verschiedenen Gründen, deren Erörterung zuweit führen würde, bisher keine sehr grosse Verbreitung gefunden. Immerhin sind einige Fortschritte zu constaticren. Sic begegnet auch nicht mehr dem lauten Widerspruche wie zu Anfang. Einige der Brotestrabbiner zahlen jetzt sogar ihren Schekel. Auf viele unserer besten Juden macht der Zionismus grossen Eindruck; nur haben sie dies oder jenes Bedenken, das sie bisher hinderte, sich uns öffentlich anzuschHessen. Ich spreche die Hoffnung aus, dass ein richtiges Verständnis für die gegenwärtigen Zustände und für das, was uns noth thut, uns alle jüdisch fühlenden Herzen auch aus Deutschland zubringen werde. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Vors. Dr. Nordau: Herr Dr. Menczel hat das Wort. Berichterstatter Dr. Menczel: Geehrte Congressmitglierler! Meine Congress-Cöllegen aus Galizien haben mich beauftragt, Ihnen hier einiges über die Lage der Juden in Galizien und der Bukowina vorzutragen. Da mir dieser Auftrag im letzten Moniente zutheil-wurde, dürfen Sie von mir nicht eine wohlvorbereitete, von statistischem und sonstigem Datenmateriale einbegleitete Rede verlangen, sondern ich werde versuchen, Ihnen ein kurzes Situationsbild vor Augen zu führen, und wenn ich in der Lage sein werde. Sie für die, ich muss es leider gestehen, nicht im besten Rufe siehenden polnischen Juden zu interessieren, so wird dies jedenfalls ein Gewinn für uns sein. In Galizien und der Bukowina wohnen ungefähr eine Million Juden. Es ist die grösste