Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 3 (1899) Basel, 15 bis 18. August 1899
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 161 (sequence 161)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3476254-3476260--0970-3477105- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
der ästhetischen und natürlichen Schönheit folgen, und Schönheit wird das Resultat sein, und wenn ein Volk sein Auge stets gebannt hält auf ein wüstes Ideal, wie Rache und Wuth, Revanche und andere dergleichen neue Leidenschaften, dann ertödtet dieses wüste Ideal alle höheren Bestrebungen, und es sinkt von Stufe zu Stufe hinab und verliert seine Berechtigung, eine grosse führende Rolle in der Geschichte der Menschheit zu spielen. Wir aber haben immer ein grosses Ideal vor Augen gehabt, unvergleichlich mit den Idealen, welche andere Völker beeinflusst haben, und wir verfolgen das Ideal unverzagt durch die Jahrtausende. Denn wir träumen, träumen von einem eigentümlichen Reiche auf Erden, wo Gerechtigkeit und Liebe herrschen sollen, und wir nennen das Gottesreich auf Erden das Ideal des jüdischen Volkes. Es ist ganz anders, es sticht vollständig ab vom Bestreben der ganzen Welt, und darum sind auch wir stets anders geblieben und, ich betheure es von hier aus, höher geblieben als alle Nationen der Weit. Denn keine Nation kann sich mit uns vergleichen. Mit der Erniedrigung, der Schmach, der Verfolgung, der geistigen Vernichtung, die gegen uns versucht worden ist: nichts ist erreicht worden, und wir sind unserem Ideale gerade als Zionisten so treu geblieben, wie unsere Vorväter vor tausend Jahren. Sie werden mich natürlich fragen: In welchem Zusammenhange steht dieses Gottesreich auf Erden mit der zionistischen Bewegung, mit der Gulturfrage, die ich hier besprechen soll? Natürlich im innigsten Zusammenhange. Das eine ist das Hotten, das andere ist die That. Wir haben stets vor unserem geistigen Auge das Bild der glorreichen Zukunft, und das ist das Geheimnis unserer Ewigkeit und Unverwüstlichkeit. AVenn auch unser Körper gebrochen wurde, unser Geist ist nie gebrochen worden, und als der Tempel in alter Zeit zerstört wurde, da verlangte der Führer der geistigen Partei von dem römischen Sieger nicht die Befreiung der Sclaven, nicht das jüdische Volk, er verlangte den jüdischen Geist frei zu setzen; er erbittet eine bescheidene, eine ganz bescheidene Sache, bloss eine Schule eröffnen zu dürfen. Diese Schule hat nie aufgehört. Die Pforten, die einmal geöffnet worden sind, sind nie geschlossen worden, und durch diese Pforten ist der Geist der Menschheit gezogen (tosender Beifall und Händeklatschen), um geläutert wieder herauszukommen. Wir haben von allen Seiten gelernt, aber wir haben auch nach allen Seiten hin als Lehrer, als Lehrer in der geistig höchsten Bedeutung gewirkt. Denn wir haben gezeigt, was Muth, was Enthusiasmus, was Begeisterung, was Selbstaufopferung imstande sind zu leisten, und haben der Welt ein Beispiel gegeben, wie ein Volk, zerstreut, geknechtet, verfolgt, doch imstande ist, einem idealen Rufe, wie er einmal erschollen ist, dem Zionismus, nicht instinctiv, sondern mit tiefem Verständnisse, aus allen Ländern der Welt zu folgen und sich hier zu vereinigen. 11