Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 3 (1899) Basel, 15 bis 18. August 1899
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 88)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 88 — Ich vermisse im Berichte einen der wichtigsten Punkte, der für ein Volksleben von entscheidender Kraft ist für seine Zukunft, und das ist der Volksunterricht. Man spricht von Cultur. Das Judenthum hat nie ohne Cultur gelebt, und das Volk hat auch eine Cultur. (Lebhafter Beifall.) Aber was in verschiedenen Ländern und speciell in meiner Heimat fehlt, ist ein Volksunterricht. Denn man lässt uns zu den Schulen nicht zu, und dort, wo wir zugelassen wurden, haben unsere Söhne das Judenthum verloren oder das Judenthum hat unsere Söhne verloren. In Bulgarien gibt es wohl keinen systematischen Antisemitismus, aber einen der gefährlichsten, das ist die Verachtung gegenüber den Juden. In unserem Lande kennt man nicht einmal so viel Toleranz, als in jenem Lande, über welches sich die Juden des Ostens so sehr beklagen. Bei uns gibt es keinen hebräischen Unterricht, in keiner Schule. Wenn ein Kind eine bulgarische Schule besucht und dann aufs Gymnasium kommt, können Sie sicher darauf rechnen, dass es für das Judenthum verloren ist. Nun haben wir aber sogenannte jüdische Schulen, die vorzüglich Französisierungsinstitute sind. (Hört, hört!) Das sind die Schulen der Alliance Israelite. Alle Bemühungen, die wir bis jetzt gemacht haben, alle Anstrengungen, diese Institution, die im Namen des ganzen Judenthums zu sprechen wagt, die sich Alliance IsraeliteUniverselle nennt, zu überzeugen, dass diese Einrichtung geeignet ist, die Juden Bulgariens dem Judenthum abtrünnig zu machen, waren vergebens. Wir haben gebeten, man möge uns so viel gewähren, dass bis zur dritten Classe der Normalschule die französische Sprache nicht vorgetragen werde, aus dem einfachen Grunde, weil unsere armen Kleinen genöthigt sind, gleich in der ersten Classe vier Sprachen auf einmal zu lernen. Die Landessprache ist die bulgarische. Wenn man die nicht lernt, kann man nicht vorwärts kommen. Hebräisch müssen sie lernen, damit sie beten können. Das Spaniolische ist ihre Muttersprache. Diese müssen sie kennen, sonst müssten sie zuhause stumm sein, und die französische Sprache ist die Bedingung, unter welcher die Alliance Israelite sich einzig und allein entschliesst, ihr Geld herzugeben. (Hört, hört!) Will man das Französische aus der Schule schaffen, so zieht die Alliance Israelite sofort ihre Subventionen zurück. Dies wurde uns klipp und klar gesagt. Man machte sogar kein Hehl daraus, zu erklären, dass Palästina und Syrien sterile Länder seien, dass wir Zionisten über die Taschen der Reichen gehen, dass das Land, in welchem die Alliance Israelite ihren Sitz hat, Aspirationen auf Palästina und Syrien habe und es daher ihre patriotische Pflicht sei, uns davon abzurathen. unser Augenmerk dahin zu lenken. (Hört, hört!)