Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 3 (1899) Basel, 15 bis 18. August 1899
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 69)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3476254-3476260--0878-3477013- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 69 — umgangen werden? Mag sein, dass man uns jetzt Vorschläge behufs Abänderung macht, aber das bleibt doch immer ein schwerwiegender Präcendenzfall. (Lebhafte Zustimmung.) Dann mache ich dem sonst sehr thätigen und energischen Comite den Vorwurf, dass die Form der Agitation nicht die richtige gewesen ist. Als wir vor zwei Jahren auf Grund des Baseler Programmes das Volk für den Zionismus zu gewinnen suchten, haben wir auf Schritt und Tritt gesagt: Wir bringen Euch nicht sofort Palästina, es wird noch lange dauern, bis das gelingen wird, und wer glaubt, Palästina ist in kurzer Zeit zu haben, ist kein Zionist, der ist ein Mann, den die materiellen momentanen Verhältnisse dazu zwingen, uns zuzustimmen. (Lebhafter Beifall.) In diesem Jahre war nun die Agitation nicht nur eine energische, sondern eine überstürzte, überhastete. Von massgebender Stelle wurde zum Volke dermassen gesprochen, dass das Volk die Ueberzeugung gewinnen muss, schon jetzt sei Palästina für das jüdische Volk zu haben. Welcher Gefahr setzen wir dadurch uns Zionisten und unsere Partei aus, wenn das nun nicht in kurzer Zeit der Fall sein solite. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Meine Damen und Herren! Wenn einer unserer Agitatoren im Drange seines Herzens manchmal etwas zuviel verspricht, so ist das ja nicht won solcher Gefahr. Aber wir wissen, dass das nicht von Agitatoren ausgieng. Im September oder October wurde in London eine Rede gehalten, die in den Jünglingen in Berlin, an welchem Orte ich mich gerade befand, eine derartige Begeisterung hervorgerufen hat, die ich gerne getheilt hätte. Der Inhalt wurde von mir auch gebilligt, aber die Form, die Andeutungen, welche in dieser Rede gegeben wurden, der Ausspruch : „Nie habe ich mit solcher Bestimmtheit gesprochen!" u. s. w., das hat eine derartige Ueberstürzung in der ganzen Agitation verursacht, dass man das unbedingt hervorheben muss. Ich versichere Sie, es war für mich, der ich politischer Zionist bin und auf dem Standpunkte des Vorsitzenden dieses Congresses stehe, kein Tag der Freude, sondern ein Tag gewisser Betrübnis, als ich diese Rede las. Denn ich sagte mir: Ist £S denn möglich? Sind wir denn blind? Ist es denn wirklich so, dass Palästina uns in zwei, drei Jahren gegeben wird? Denn nach solchen Aeusserungen muss Palästina uns gegeben werden! Das ist sehr gefährlich. Und so klingt das in verschiedenen anderen Reden durch. Wozu das? Glauben Sie, dass man auf diese Weise das jüdische Volk eher gewinnt? Dann muss man eben die volle Sicherheit haben, dass das wirklich so sein wird. (Lebhafter Beifall und Widerspruch) Wir Agitatoren wussten nun nicht, wie wir weiter verfahren sollten. Wir hatten eine Methode verfolgt. Wir sagten dem Volke, Ihr liabt die Lösung in der Zukunft zu erwarten. Wir wurden nun dadurch vollständig desavouiert. Ein grosser Theil des Volkes glaubte nun, dass die Lösung in kurzer Zeit eintreten werde. Wir müssen zwar energisch weiter agitieren, aber dem jüdischen Volke sagen, Ihr könnt nicht darauf bauen, dass die Lösung sofort erfolgen wird. Ihr habt noch lange zu warten. Wir haben eine so lange Geschichte, und so wird auch unsere Erlösung noch einige Zeit auf sich warten lassen. (Stürmischer Beifall.) Suchen wir nicht, auf die momentanen Aufwallungen des Volkes zu wirken, sondern auf seine Einsicht, bringen wir dem jüdischen Volke bei, dass die grösste Sache die Vorbereitung, die Organisation ist, und dass diese dann die Möglichkeit der Lösung der Judenfrage herbeiführen kann. Ich musste das von öffentlicher Stelle sagen. Denn ich glaube, dann werden wir alle in diesem Jahre in Bezug auf unsere Taktik be-