Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 3 (1899) Basel, 15 bis 18. August 1899
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 18 — trauen und Geringschätzung. Wir leben seit Jahrhunderten in einer Eiszeit — uns umgibt die bittere Kälte des Hasses. Das sind die Dauerkräfte, die auf uns beständig einwirken, ohne Getöse, ohne Zwischenfälle, die zu sensationeller Berichterstattung Anlass geben können, unter denen wir aber langsam, allmählich, doch unfehlbar organisch zurückgehen. Ich erkläre offen, dass ich an eine Wiederholung der Schauerdramen unserer Vergangenheit in der Zukunft nicht recht glaube, obschon Ereignisse von gestern die Möglichkeit der Abschlachtung eines ganzen Volksstammes auch in unserer Zeit zu. beweisen scheinen. (Lebhafte Zustimmung.) Es ist nicht wahrscheinlich, dass man Zehntausende unseres Stammes in einem Anfalle von Massenmordgier niedermetzeln wird, wenn auch örtliche Ausbrüche von Roheit möglich sind. Es ist nicht wahrscheinlich, dass man alle Juden aus einem Lande austreiben wird, wenn auch Tausende oder Hunderttausende durch unerträgliche Behandlung zu sogenannter „freiwilliger" Auswanderung genöthigt werden mögen. Es gibt heute ein europäisches Gewissen, ein Menschheitgewissen, das zwar immer noch weit genug ist, aber dennoch wenigstens eine gewisse äusserliche Ehrbarkeit vorschreibt und nicht leicht tobende Massenverbrechen duldet. Aber wenn ich an kein allgemeines Blutbad unter den Juden, an keine allgemeine Judenverjagung glaube, so bin ich andererseits überzeugt, dass unsere Eiszeit noch sehr lange dauern wird, auf alle Fälle länger, als wir sie trotz unserer eben von mir gerühmten unerschöpflichen Lebenskraft ertragen können. Man stirbt unter dem Mordstahl und auf dem Scheiterhaufen, doch wer erfriert, ist gleichfalls todt, und wer in Rechtlosigkeit und Verachtung nach und nach verkommt, der ist nicht viel besser daran. Es ist ein Untergang ohne bengalische Flammen; für den Untergehenden aber ist er nicht minder tragisch. (Lebhafter Beifall.) Das jüdische Volk von diesem dauernden, gleichmässigen, zermalmenden Druck zu befreien ist die Aufgabe, die der Zionismus sich gestellt hat. Wie will er diese Aufgabe erfüllen? Einen Volksstamm mit gewährleistetem Rechte der Selbstverwaltung, wenn auch ohne staatliche Unabhängigkeit, auf eigenem Boden anzusiedeln, das ist in hervorragendstem Masse ein politisches Werk, und um ein solches aufzubauen, dazu sind Machtmittel unentbehrlich. Welches sind nun unsere Machtmittel? Wir haben für uns die geschichtliche Grösse und sittliche Schönheit des zionistischen Gedankens. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Wir, deren Lebensberuf die Pflege des Gedankens und seiner Veräusserlichung in Schrift und Wort ist, wir werden sicher die letzten sein, die die Bedeutung des Gedankens unterschätzen. Aber wir wären unpraktische Schwärmer und Träumer, wenn wir nicht erkennen