Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 3 (1899) Basel, 15 bis 18. August 1899
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 17 — nur ganz winzige Veränderungen setzen, jedoch nach Jahrtausenden ruhig und gieichraässig Festländer und Gebirge aufgebaut und abgetragen, Meere vertieft und ausgefüllt haben. Die vulkanische Theorie ist melodramatischer; sie macht aus der Erdgeschichte ein ungeheures Spectakelstück und ein solches ist des Beifalls der Galerie immer sicher. (Heiterkeit.) Die neptunische Theorie ist minder theatralisch, aber sie ist überzeugender für diu ernsten Geister, die geübt sind, das gewöhnliche Verfahren der Natur zu beobachten. Unter denen, die über die jüdische Geschichte in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein Urtheil abzugeben haben, finden Sie nun gleichfalls Vertreter der vulkanischen und neptunischen Theorie. Jene, die Vulkanisten, legen nur den zeitweiligen grossen Gewalttätigkeiten gegen die Juden Bedeutung bei. Für sie erschöpft sich die Geschichte des jüdischen Volkes in der Geschichte der jüdischen Katastrophen. Mir sie schreitet sie von der Zerstörung des Tempels zu den Metzeleien der Kreuzzüge, von der Austreibung aus England und Frankreich zu der Verjagung aus Spanien, von den Schlächtereien Chmielnickys zu den blutigen Verfolgungen der ersten 80er Jahre. Die Neptunisten dagegen — und zu dieser Gattung zähle ich mich — schreiben den Katastrophen, und wenn sie noch so furchtbar w7ären, nicht dieselbe Wichtigkeit zu und erkennen sie nicht als die einzigen oder auch nur als die hauptsächlichen Kräfte an, die die neuere jüdische Geschichte bilden. Für uns sind die gewöhnlichen Verhältnisse, die uns gleichmässig und dauernd umgeben, die Einflüsse, die das Schicksal des jüdischen Volkes gestalten. Alle Völker, auch die ruhmreichsten und mächtigsten, haben in ihrer Vergangenheit schwere Unglücksfälle, Umwälzungen, Bürgerkriege, zermalmende Niederlagen, die mitunter so furchtbar waren, dass eine Erholung von ihnen unmöglich schien. Sie haben ihnen auf die Dauer dennoch nicht geschadet und den aufsteigenden Gang ihrer glänzenden Geschicke nicht gehemmt. Warum? Weil zwischen den Schicksalsschlägen immer Jahrhunderte oder wenigstens Jahrzehnte ruhigen Gedeihens lagen, in denen alle Wunden heilen konnten; weil zwischen den heimgesuchten Geschlechtern andere Geschlechter lebten, di*> sich eines glücklich sorglosen Daseins erfreuten. Das ist das Entscheidende. Ueber seine Katastrophen, auch über die furchtbarsten, wäre das jüdische Volk, dank seiner unverwüstlichen Lebenskraft, immer weggekommen, wenn es zwischendurch dieDaseinsbedingungen aller anderen Völker gehabt hätte. Die hat es aber nicht gehabt. Die hat es auch heute nicht. Wir leben wie die Höhlenthiere in ewiger Finsternis — uns leuchtet die Sonne der Gerechtigkeit nicht. Wir leben wie die Tiefseegeschöpfe unter einem Ungeheuern Druck — auf uns lasten mit Tausendatmosphären-Wucht Miss- 2